Schöpferische Zerstörung - zerstörte Schöpfung

Für echte Kapitalisten ist der Paradiesgarten am siebten Tag der Schöpfung ein unerträglicher Zustand. Gott ruht, und damit ist der einzige Produzent dieses Weltbildes ausgefallen.

Gedanken für den Tag 19.9.2020 zum Nachhören (bis 18.9.2021):

Der Mensch wiederum lebt unschuldig von den Dingen und den Abläufen, die schon vorhanden sind. Er isst Pflanzen und Früchte. Er arbeitet nicht, und trotz Auftrag vermehrt er sich nicht und ist gar nicht fruchtbar. Der ganze Rest, Tiere, Pflanzen, leben ungenutzt vor sich hin. Es gibt ja auch keinen Bedarf, der zu stillen wäre, kein Unbehagen, das Änderung verlangen würde.

Oliver Tanzer
ist Wirtschaftsjournalist bei der „Furche“ und Autor

Es war die Zufriedenheit

Die Autoren der Genesis haben in ihrer Erzählung nicht nur menschliche Sehnsucht nach ewiger Stabilität gezeichnet, sondern in ökonomischem Sinn eine stationäre Wirtschaft. Das ist ein relativ stabiler Kreislauf ohne Überverbrauch und Innovation und ohne, wie der Ökonom Alois Schumpeter sagen würde, „schöpferische Zerstörung“, die immer neue Konjunkturzyklen hervorbringt und damit neuen Reichtum. Schumpeter hat auch bemerkt, dass der Großteil der Menschen aber genau diesen unkapitalistischen Zustand als zu erreichendes Optimum ansieht. Ruhe und Frieden, Freundschaften, wenn man so will.

Auf der anderen Seite sind nur wenige Unternehmer nach Schumpeter solche schöpferischen Zerstörer: Leute, die unablässig wollen und wirken, getriebene, risikobereite Menschen, die das vermeintlich Gute um jeden Preis gegen das Bessere austauschen wollen. Sie, so Schumpeter, brennen lichterloh für ihre Idee, und erlöschen rasch ausgebrannt.

Dieser letzte Teilsatz, das frühzeitige Burnout der Helden, wird von den vielen Verehrern der schöpferischen Zerstörung ignoriert. Dabei ist er entscheidend. Denn wenn Aristoteles recht hat und die großen Dinge sich immer in den kleinen Dingen vorbereiten, dann kann man für unsere Zeit der Heldenunternehmer und Startup-Ritter folgendes schließen: Es liegt in den Zyklen der schöpferischen Zerstörung letztlich die Ursache für die Zerstörung der Schöpfung im Ganzen. Und außerdem: Das Gegenteil dieser schöpferischen Zerstörung und ihrer Wachstumsfolgen ist nicht Selbstbeschneidung oder Degrowth. Es wäre die Wiederentdeckung eines großen alten Gefühls, das Gott dazu Anlass gab, am siebenten Tag zu ruhen: Es war die Zufriedenheit.

Buchhinweise:

  • Tomas Sedlacek, Oliver Tanzer, „Lilith und die Dämonen des Kapitals. Die Ökonomie auf Freuds Couch“, Carl Hanser Verlag
  • Oliver Tanzer, „Animal Spirits. Wie und Fledermäuse, Pantoffeltierchen und Bonobos aus der Krise helfen“, Verlag Molden

Link:

Ö1-Schwerpunkt: Mutter Erde

Musik:

Mando Diao: „Hail the sunny days“ von Björn Dixgärd und Gustaf Noren
Label: EMI 9664162