Rabbi: Jeder Europäer sollte KZ-Gedenkstätte besuchen

Jedes Kind in Europa sollte nach Einschätzung des Präsidenten der Konferenz der Europäischen Rabbiner, Pinchas Goldschmidt, mindestens einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Im Kampf gegen Antisemitismus sieht er auch Facebook in der Pflicht.

„Jeder Europäer soll wissen, dass Wissenschaft und Kultur nicht immer eine Bremse sein kann gegen den Hass und gegen den Rassismus“, sagte Goldschmidt am Donnerstag im Deutschlandfunk. In verschiedenen Ländern gebe es derzeit Versuche, den Holocaust zu relativieren. Goldschmidt, der auch Oberrabbiner von Moskau ist, verwies etwa auf Litauen, wo ein neues Gesetz festschreiben soll, dass das Land nicht am Holocaust beteiligt gewesen sei.

Dass man so ein Gesetz für nötig halte, sei „der größte Beweis dafür, dass Litauen nun wirklich mitmachte“. Die Mehrzahl der rund 220.000 Jüdinnen und Juden in Litauen sei während des Holocaust ermordet worden.

Warnung vor Holocaust-Leugnern

Er sehe die Gefahr, dass sich eine Leugnung des Holocaust künftig stärker ausbreiten werde, fügte Goldschmidt hinzu. In der heutigen Welt sei die Wahrheit stets umstritten.

Eine wichtige Rolle spielten neben rechtsextremen Parteien auch die Sozialen Medien. „Man kann von irgendeiner Neonazi-Webseite einen Artikel lesen und in der nächsten Sekunde einen Artikel von der ‚New York Times‘, und die Leute, die behaupten, nichts von Politik zu wissen, glauben, dass die Informationen von beiden verschiedenen Quellen genau den gleichen Wert haben.“ Gegen dieses Problem gingen Unternehmen wie Facebook nicht entschieden genug vor, kritisierte der Oberrabbiner.

Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner von Moskau und Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz

Reuters/Heinz-Peter Bader

Pinchas Goldschmidt ist Präsident der Konferenz der Europäischen Rabbiner

Social Media vielfach Foren für Antisemiten

Konkrete Schritte gegen Antisemitismus erwartet sich Goldschmidt auch vom am Donnerstag stattfindenden Welt-Holocaust-Forum in Jerusalem: „Man muss konkrete Schritte benennen, um Antisemitismus und Rassismus im Jahr 2020 zu bekämpfen, und sich nicht einfach mit Worten zufrieden geben“, sagte Goldschmidt im Interview der deutschen Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

„Ein großes Problem heute sind die Sozialen Medien“, betonte der Oberrabbiner von Moskau. Sie seien vielfach Foren für Antisemiten und Rassisten. „Das hat nichts mit Redefreiheit zu tun.“ Über Soziale Medien könnten Millionen von Menschen erreicht werden - auch jüngste Attacken auf Gotteshäuser, etwa auf die Synagoge im deutschen Halle, hätten damit zu tun. Unternehmen, die hinter den Sozialen Medien stünden, müssten sich selbst regulieren. „Ansonsten muss der Staat sicherstellen, dass die Sozialen Medien für solche Einlassungen keine Plattform werden.“

Europa beginnt zu „wackeln“

Mit Blick auf das Welt-Holocaust-Forum und die Kultur einer Erinnerung an den Holocaust sagte Goldschmidt: „Ich glaube, dass in Zeiten der großen Turbulenzen in Europa der ganze Kontinent zu wackeln beginnt.“ Daher sei es sehr wichtig, dass auf höchster Ebene gemahnt und der Blick dafür geschärft werde, dass so etwas wie Auschwitz nie wieder passiere und „wie groß die Gefahren für unsere Zivilisation heute“ seien.

Entscheidend sei, „dass das Bewusstsein dafür nicht nur weiterhin in der Politik vorhanden ist, sondern in der ganzen Gesellschaft aktiv gelebt wird“. Die Generation der Überlebenden sei bald nicht mehr da: „Und deswegen müssen wir uns daran erinnern.“

religion.ORF.at/KAP/KNA

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