Schiiten

Zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam

Die „Schia“ ist zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam, die sich bereits im 7. Jahrhundert von der Mehrheitsströmung (heute: Sunniten) abgespalten haben. Die Schia - ihre Anhänger nennt man Schiiten - ist vor allem im Iran verbreitet, auch im Irak gibt es einen hohen Anteil an Schiiten in der Bevölkerung.

Eine Frau geht an einem Portrait von Ayatollah Khomeini vorbei.
Reuters/Damir Sagolj
Eine Frau geht an einem Portrait von Ayatollah Khomeini vorbei, dem spirituellen und politischen Führer während und nach der islamischen Revolution 1978 im Iran.

Mit dem Tod von Ali ibn Abi Talib, dem vierten rechtgeleiteten Kalifen, spaltete sich der Islam in Sunniten und in die Anhängerschaft Alis, die „Schiat Ali“: Während die Sunniten das Kalifat anerkennen, etablierten die Schiiten ein Imamat mit Ali als erstem Imam. Die ersten drei Kalifen gelten für Schiiten nicht als rechtmäßige Nachfolger des Propheten Mohammed. Nach schiitischem Glauben war Ali dessen engster Vertrauter und damit sein einzig mögliche Nachfolger. Der Zusatz „wa-Ali wali-llah“ (und Ali ist der Freund, der Bevollmächtigte Allahs) in der schiitischen Version der Schahada bekräftigt das.

Ahnenkette der Imame geht auf Ali zurück

Um sich aus Sicht der Schiiten für die Nachfolge Mohammeds als göttlich legitimierte Führer der muslimischen Großgemeinde zu qualifizieren, müssen die Imame in direkter Linie von Ali und seiner Frau, der Prophetentochter Fatima - und damit von Mohammed selbst - abstammen. Nach Alis Tod setzte sich bei der Mehrheit der Muslime Muawiya, ein Cousin des dritten Kalifen Uthman, als Kalif durch. Die „Schiat Ali“ wollte das Kalifat nicht anerkennen. Schließlich eskalierte der Konflikt im Jahr 680 nach Muawiyas Tod in der Schlacht von Kerbala, in der der deutlich unterlegene Prophetenenkel Al-Hussein fiel - mehr dazu im Eintrag „Aschura“. Diese Schlacht besiegelte die Spaltung zwischen Sunniten und Schiiten.

Für die größte Gruppe der Schiiten, den „Imamiten“, reißt genealogische Kette mit dem zwölften Imam, Muhammad al-Mahdi, ab. Aus dieser Überzeugung leitet sich der zweite Name der Imamiten ab: Zwölfer-Schia.

Die Imame der Zwölfer-Schia

Der letzte imamitische Imam, Muhammad al-Mahdi, ist nach schiitischem Glauben nicht gestorben, sondern lediglich bereits im Kindesalter in die „Ghaiba“ (Verborgenheit) gegangen, um sich vor Mordanschlägen zu schützen. Aus der Ghaiba wird er dereinst auf göttlichen Befehl zurück kommen, um die Menschen von ihrem Leid zu erlösen und auf Erden ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit zu errichten. Auf die Wiederkehr dieses Mahdi, einer messianischen Gestalt, warten die Schiiten seit dem 10. Jahrhundert und verbinden damit eine starke Heilssehnsucht.

Der letzte Imam lebt im Verborgenen

Zunächst lebte Muhammad al-Mahdi, dessen historische Existenz wissenschaftlich umstritten ist, in der kleinen Verborgenheit („Ghaiba sughra“). In dieser Zeit beschäftigte er vier „Sendboten“, die seine Botschaften zu den Menschen sandten. Als der vierte Botschafter („Nawwab“) 941 n. Chr. gestorben war, ging der Mahdi in die „Ghaiba kubra“ (große Verborgenheit), die bis heute anhält. Die Existenz des Imams, wenn auch im Verborgenen, ist eine wichtige, schiitische Glaubensüberzeugung, da die Führung durch einen von Gott inspirierten, unfehlbaren Imam eine Notwendigkeit für die Gemeinschaft der Gläubigen ist.

Im Lauf der Geschichte sind immer wieder Männer aufgetaucht, die von sich behaupteten, der Mahdi zu sein. Teils konnten sie bedeutende Bewegungen um sich scharen wie etwa die Fatimiden in Ägypten (909 - 1171 n. Chr.), die Almohaden in Nordafrika und Andalusien (1145 - 1212 n. Chr.) und die Ahmadiyya, die Mirza Ghulam Ahmad Ende des 18. Jahrhunderts in Indien gründete. Bedeutend war auch der Mahdi-Aufstand im Sudan, in dem der selbst erklärte Mahdi Muhammad Ahmad gegen die ägyptisch-britische Herrschaft kämpfte. Bis heute wird er als „Vater der Unabhängigkeit“ von seinen Anhängern verehrt und hat Einfluss auf den religiösen, islamischen Fundamentalismus.

Ismailiten und Zaiditen

Neben der Zwölfer-Schia gibt es eine Reihe an kleineren schiitischen Strömungen. Die Ismailiten spalteten sich nach dem Tod des 6. Imams, Dschafar as-Sadiq, ab und werden daher auch Siebener-Schia genannt. Die Ismailiten setzten die Erbfolge mit Ismail ibn Dschafar fort, während Imamiten dessen jüngeren Halbbruder Musa ibn Dschafar als rechtmäßigen Imam betrachten. Doch auch innerhalb der Siebener-Schia gibt es einige Untergruppen, je nachdem, welche Imame sie nach Ismail ibn Dschafar noch anerkennen. Der bekannteste Ismailit ist Aga Khan, das Oberhaupt der größeren Gruppe der Nizariten. Auch die Drusen sind eine ismailitische Untergruppe.

Bereits mit dem 5. Imam spalteten sich die Zaiditen, daher auch Fünfer-Schia genannt, ab. Sie erkennen Muhammad al-Baqir nicht als Imam an, sondern seinen Halbbruder Zaid ibn Ali, der die zaiditische Rechtsschule begründet hat. Zaiditen sind vor allem im Jemen verbreiten. Neben der Zwölfer-, der Siebener- und der Fünfer-Schia gibt es noch weitere schiitische Richtungen, darunter die Aleviten, vor allem in der Türkei, und die Nusairier, vor allem in Syrien.

Buchhinweis:

Heinz Halm: Die Schiiten. Beck, 128 Seiten, 8,95 Euro.

Flexibilität im philosophischen Denken

Je nach Verbreitungsgebiet und den damit verbundenen Einflüssen unterscheiden sich die Glaubenslehren der einzelnen schiitischen Richtungen. Im Verhältnis zu den Sunniten erkennen beide großen Strömungen einander grundsätzlich an. Im Lauf der Geschichte haben sich beide Richtungen jedoch sehr unterschiedlich entwickelt, was auch heute noch zu Konflikten führt. Was viele Europäer, die mit Schia vor allem die Revolution im Iran verbinden, nicht wissen: Die schiitische Rechtsschule („Dschafariten“) lässt mehr Flexibilität in der Interpretation zu als die sunnitischen Rechtsschulen und lässt damit der Religionsphilosophie auch mehr Raum (mehr zu den Rechtsschulen im Eintrag „Scharia“).

Übersichtsartikel zum Islam

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: