Aschura

Eines der wichtigsten religiösen Feste der Schiiten

An Aschura, dem zehnten Tag des islamischen Jahres, trauern die Schiiten um Al-Hussein, ihren dritten Imam. Die Gläubigen leisten in eindrücklichen Ritualen Buße für seinen Tod. Aschura leitet sich vom arabischen Wort „aschara“ (zehn) ab und bezeichnet den zehnten Tag des ersten Monats im Jahr. An diesem Tag im Jahr 680 fiel der Prophetenenkel Al-Hussein in der aussichtslosen Schlacht gegen die Truppen des omayyadischen Kalifen bei Kerbala im heutigen Irak.

Passionsspiele zum schiitschen Fest Aschura
Reuters/Thaier Al-Sudani
Die Schlacht von Kerbala wird zum Fest Aschura als Schauspiel inszeniert.

Die Schlacht von Kerbala im Jahr 680 markiert die endgültige Glaubensspaltung zwischen Sunniten und Schiiten, die sich bereits einige Jahre zuvor bei den Nachfolgestreitigkeiten nach dem Tod des islamischen Propheten Mohammed im Jahr 632 abgezeichnet hatte - mehr dazu im Eintrag „Kalifen, rechtsgeleitete“. Ali, Schwiegersohn und Weggefährte Mohammeds war erst beim vierten Anlauf zum Kalifen ernannt worden, allerdings war sein Kalifat von Konflikten mit seinem Gegenspieler Muawiya geprägt.

Revolte mit tödlichem Ausgang

Nach der Ermordung Alis im Jahr 661 beugte sich sein ältester Sohn Al-Hassan (gest. 670) der Herrschaft Muawiyas, der die (sunnitische) Omayyadendynastie (661 - 750) begründete. Muawiya starb im Jahr 680 in Damaskus und hatte noch zu Lebzeiten seinen Sohn Yazid als Nachfolger eingesetzt. Die Anhänger Alis in der irakischen Stadt Kufa forderten daraufhin Al-Hussein, Alis jüngeren Sohn mit der Prophetentochter Fatima auf, das Kalifat für sich zu beanspruchen. Sie sicherten ihm die Unterstützung tausender Getreuer zu, worauf sich der damals schon über 50-jährige Nachkomme Mohammeds auf den Weg nach Kufa macht. In der Zwischenzeit hatten jedoch umayyadische Truppen bereits Kufa erreicht und die Anführer der Revolte hingerichtet.

Al-Hussein und seinen Gefolgsleuten wurden vom Yazid-treue Heer bei Kerbala, einem Ort 70 Kilometer nördlich von Kufa, abgefangen. Tagelang waren sie vom Wasser des Euphrat abgeschnitten und litten entsetzlichen Durst. Verhandlungen über eine Kapitulation scheiterten, es kam zur Schlacht. Doch ohne die erhoffte Hilfe aus Kufa waren Al-Hussein und seine Gefährten – nach schiitischer Überlieferung 72 Mann gegen eine Armee von 10.000 – den Truppen des Kalifen heillos unterlegen. Der Enkel Mohammeds fiel wie fast alle seine Begleiter im Kampf. Nach schiitischer Geschichtsschreibung befindet sich sein Grab in Kerbala. Das Mausoleum von Imam Hussein ist ein beliebter Wallfahrtsort.

Al-Husseins Tod bei Kerbela bedeutete zwar das politische Scheitern der Anhänger Alis, war aber gleichzeitig die Initialzündung der schiitischen Religiosität. Nach der „Tragödie von Kerbela" machten sich unter den Anhängern Al-Husseins in Kufa schwere Schuldgefühle breit. Es bildet sich eine Gruppe von Männern, die als „die Büßer“ in die schiitische Tradition eingegangen ist. Die Schuld, dem Prophetenenkel nicht zu Hilfe gekommen zu sein, lastete so schwer auf diesen Männern, dass sie nur noch einen Ausweg sahen: den Sühnetod auf dem Schlachtfeld. 684 machen sie sich auf den Weg Richtung Syrien – eine Reise, die wie erhofft im Jänner 685 in einem Massaker durch syrische Truppen und damit in ihrem Märtyrertod endete.

Das ritualisierte Selbstopfer und Passionsspiele

Aus ihrem Bedürfnis nach Sühne entwickelten die Schiiten im Lauf der Zeit ritualisierte Selbstopfer. In den Aschura-Riten trauern die Schiiten nicht nur um ihren gefallenen Imam Al-Hussein. Mit Geißelung und Schwertschlägen wiederholen sie in ritualisierter Form das Selbstopfer der Büßer aus Kufa. Bereits der älteste erhaltene Bericht über Aschura-Rituale, eine Bagdader Chronik von 963, berichtet von Prozessionen und nachgestellten Szenen der Ereignisse von Kerbela. Aus diesen entwickelten sich im Laufe der Zeit richtige Passionsspiele. Diese erzählen in den ersten zehn Tagen des Muharram - der erste Monat des islamischen Jahres – Tag für Tag ein Stück der tragischen Geschichte Al-Husseins.

Gläubige Schiiten geißeln sich zu Aschura selbst.
Reuters/Omar Sobhani
Manche Gläubige geißeln sich zu Aschura selbst - in Andenken an die Leiden des gefallenen Imam Al-Hussein.

Vor allem im Iran waren diese „Taziya“ (ein Beleidsausdruck) genannten Aufführungen sehr beliebt, bevor sie unter dem laizistischen Reza Schah Pahlavi in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts verboten wurden. Nach der Revolution im Jahr 1979 gibt es die Spiele im Iran zwar wieder, spielen aber keine große Rolle mehr. Das mag damit zusammenhängen, dass die Mullahs ihnen eher ablehnend gegenüber stehen – wie die schiitischen geistlichen Gelehrten auch den Geißelungen und Selbstverletzungen nur wenig abgewinnen können.

Konfliktpotenzial großer Aschura-Prozessionen

In allen Gegenden, in denen die Schiiten einen bedeutenden Anteil an der Bevölkerung stellen, sind große Prozessionen fixer Bestandteil des Aschura-Festes. Vor allem in Gebieten, in denen die Schiiten nicht die Mehrheit stellen, bergen diese Prozessionen ein ausgeprägtes Konfliktpotential. Wird in ihnen doch nicht nur die Spaltung der islamischen Gemeinschaft vor Augen geführt, sondern die Sunniten als Mörder des Prophetenenkels angeklagt. Dies führte in der Vergangenheit nicht nur zu Auseinandersetzungen bis hin zu Straßenschlachten zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen, sondern ließ die Aschura-Prozessionen immer wieder zu Zielen von Anschlägen werden.

Prozession zum schiitischen Fest Aschura
Reuters/Raheb Homavandi
Prozessionen sind ein weit verbreiteter Brauch zu Aschura.

Aschura-Suppe am 10. Muharram

Allen Muslimen gilt der Monat Muharram als einer der vier geheiligten Monate, in denen Auseinandersetzungen verboten sind und nach Frieden gestrebt werden soll. Der 10. Muharram ist nach der Überlieferung unter anderem auch der Tag, an dem Noah nach der Sintflut mit seiner Arche auf dem Berg Ararat gestrandet ist. Die Rettung wollten die Überlebenden mit einem Festessen feiern. So warfen sie alle Lebensmittel zusammen, die sie noch hatten und kochten eine Suppe. Durch eine wundersame Vermehrung wurden alle davon satt. Auf diese Legende geht der muslimische Brauch zurück, am 10. Muharram die dickflüssige, süße Aschura-Suppe aus mindestens sieben unterschiedlichen Zutaten wie Bohnen, Weizen, Walnüssen, Feigen und Rosinen zu kochen und mit Freunden zu teilen.

Übersichtsartikel zum Islam

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: