Kalifen, rechtgeleitete

Die ersten vier Muslimführer nach Mohammeds Tod

Nach dem Tod des islamischen Propheten Mohammed im Jahr 632 n. Chr., der für seine Anhänger überraschend kam, entbrannte ein Streit darüber, wer künftig die Gemeinschaft der Muslime führen sollte. Abu Bakr, ein früher Weggefährte des Propheten und der Vater von dessen Lieblingsfrau Aischa, behauptete sich bei der Wahl gegen Ali ibn Abu Talib, Mohammeds Cousin und durch die Ehe mit Fatima dessen Schwiegersohn. Von 632 bis 634 regierte Abu Bakr als erster rechtgeleiteter „Kalif“ (Nachfolger) und damit als religiöser und politischer Führer die muslimische Gemeinde („Umma“).

Abu Bakr bannt den Zerfall des muslimischen Staates

Abu Bakrs Zeit ist durch die „Ridda“-Kriege (632 - 633 n. Chr.) geprägt: Einige Stämme der arabischen Halbinsel drohten, vom Islam abzufallen („Ridda“ - Abfall vom Islam), da sie sich durch den Tod ihres Vertragspartners Mohammed nicht mehr an die Vereinbarungen gebunden fühlten. Abu Bakr und seine Truppen gingen als Sieger aus den Kriegen hervor: Die arabische Halbinsel war wieder zur Gänze muslimisch, der Zerfall des islamischen theokratischen Staates gebannt. 634 n. Chr. starb Abu Bakr, er wurde neben Mohammed in Mekka begesetzt.

Expansion zum Großreich unter Umar

Zu seinem Nachfolger wurde Umar ibn al-Chattab gewählt (634 - 644 n. Chr.), der zwar ursprünglich ein erbitterter Gegner von Mohammed war, später aber zu einem seiner engsten Vertrauten und zu seinem Schwiegervater wurde. Unter Umars Herrschaft entwickelte sich der islamische Staat zum Großreich, das sich nach siegreichen Feldzügen nach Ägypten und Syrien, in den heutigen Irak und bis in den Iran ausdehnte.

Umar führte die islamische Zeitrechnung ein, baute die Verwaltung aus und entwickelte ein neues Steuersystem. Christen und Juden erhielten als „Ahl al-Kitab“ (Familie des Buches) den Sonderstatus eines „Dhimmi“ (Schutzbefohlener). Als die Muslime 637 n. Chr. Jerusalem einnahmen, soll sich Umar geweigert haben, in der Grabeskirche zu beten, damit sie den Christen als Kirche bleibe und nicht in eine Moschee umgewandelt würde. Die Omar-Moschee in Jerusalem, erbaut 1193 n. Chr. von Salah ad-Dins Sohn, erinnert noch heute an diese Begebenheit.

Erster politisch motivierter Mord unter Muslimen an Umar

Als Reaktion auf die Eroberung des Sassanidenreiches wurde Umar 644 n. Chr. von einem versklavten persischen Soldaten ermordet. Umar hatte zu Lebzeiten ein Wahlmännergremium eingericht, das Uthman ibn Affan zu seinem Nachfolger (644 - 656 n. Chr.) wählte. Uthman war zweifacher Schwiegersohn von Mohammed und galt als tiefgläubiger Muslim. Zwar gab es auch während Uthmans Herrschaft einige Eroberungen, er begründete eine Seestreitkraft und setzte einige wirtschaftliche Reformen durch, doch liegt seine größte Leistung auf religiösem Gebiet. Er besorgte eine einheitliche Fassung des Koran, des heiligen Buches der Muslime, die für die Mehrheit der Gläubigen bis heute Gültigkeit hat.

Uthman gehörte dem Clan der Umayyaden im Stamm Quraisch an. Bei der Vergabe politischer Ämter bevorzugte er seine Verwandten, womit sich der Kalif viele Feinde machte. Im Jahr 656 n. Chr. spitzte sich die Lage zu einer Rebellion zu, die schließlich in der Ermordung Uthmans durch einen muslimischen Rebellen gipfelte. Zum ersten Mal war damit ein politisch motivierter Mord unter Muslimen begangen worden.

Mit Ali beginnen die Spaltungen der Muslime

Auf Uthmans Nachfolge erhob sein Cousin, der Umayyade Muawiya, Anspruch. Gewählt wurde jedoch Ali ibn Abi Talib. Ruhe kehrte während Alis Regentschaft (656 - 661 n. Chr.) nicht ein: Bereits im Jahr seiner Wahl trat Mohammeds Witwe Aischa in der „Kamelschlacht“ bei Basra im heutigen Irak gegen Ali in den Krieg, weil sie ihm vorwarf, in Uthmans Ermordung verwickelt gewesen zu sein. Ihre Truppen unterlagen der „Schiat Ali“ (den Anhängern von Ali), doch begann mit dieser Schlacht ein Bürgerkrieg und damit die erste „Fitna“ (Glaubensspaltung).

Bei der Schlacht von Siffin (557 n. Chr.) im heutigen Syrien zwischen Alis Heer und Muawiyas Truppen ließ sich Ali auf Verhandlungen mit den Gegner ein. Ein Teil seiner Anhänger war damit keineswegs einverstanden, spaltete sich ab und gründete die Gemeinschaft der Charidschiten. Bis zu seiner Ermordung im Jahr 661 n. Chr. durch einen Charidschiten widmete sich Ali während seiner weiteren Regentschaft überwiegend dem Kampf gegen diese rebellische Gruppe.

Schiiten erkennen nur Ali als Kalifen an

Aus jenen Anhängern, die Ali auch nach der Schlacht von Siffin treu blieben, gingen die Schiiten, die zweitgrößte muslimische Glaubensrichtung, hervor. Während der Mehrheit der Muslime, den Sunniten, die vier gewählten ersten Kalifen als rechtsgeleitet („raschidun“) gelten, erkennen die Schiiten nur Ali als rechtmäßigen Kalifen und einzig göttlich legitimierten Prophetennachfolger an. Alis Nachfolger wiederum müssen ihren Stammbaum direkt auf Ali zurückführen, um ihren Herrschaftsanspruch legitimieren zu können.

Nach Alis Tod übernahm Muawiya das Kalifat, das nur von den Sunniten anerkannt wurde. Muawiya führte die Erbfolge ein und begründete die Umayyadendynastie, die fast 100 Jahre lang herrschte, bis sie 750 n. Chr. von den Abbasiden gewaltsam gestürzt wurden. Im 16. Jahrhundert ging das Kalifat auf die Osmanen über, bis Atatürk es 1924 abschaffte - mehr dazu in Islamische Geschichte.

Übersichtsartikel zum Islam

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon: