Fronleichnam: Das Fest der Gegenreformation

Mit Blütenteppichen, dem „Umgang“ mit Blumenkindern und Schiffsprozessionen kommt Fronleichnam wie ein harmloses Sommerfest daher. Doch das „Fest der Gegenreformation“ war von Anfang an ein politisch konnotiertes - und ist es bis heute.

Der Fronleichnamstag im Jahr 1578 markierte einen berühmten Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen Katholiken und Protestanten in Österreich. Was als „Wiener Milchkrieg“ in die Geschichte einging, begann als Provokation: Genau am Graben, über den die Prozession ziehen sollte, an der Kaiser Rudolf II. selbst teilnahm, hatten protestantische Milchhändler ihre Stände aufgestellt.

Der "Milchkrieg", ein Tumult bei der Fronleichnamsprozession 1578 (Ausschnitt)
Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv
Die Fronleichnamsprozession des Jahres 1578 endete mit dem „Milchkrieg“

Die Prozession wurde gestört, es kam zu Schlägereien und Tumulten, aus umgeworfenen Kannen floss Milch auf die Straße. Auch der Baldachin und selbst die Monstranz fielen zu Boden. Als die Prozession eine Woche später wiederholt wurde, war die Bevölkerung davon ausgeschlossen. Seit den 1530er Jahren hatte es polemische Predigten der protestantischen Prediger gegen die Fronleichnamsprozession gegeben: Die Rede war von „eucharistischer Abgötterei“.

„Demonstration katholischer Macht“

Dabei galt die Fronleichnamsprozession damals durchaus als Provokation, als „Demonstration katholischer Sichtbarkeit und Macht“, erklärte der Kirchenhistoriker Thomas Prügl von der Universität Wien im Gespräch mit religion.ORF.at. Die Sache war ein Politikum: „Der Großteil der Bevölkerung Wiens war evangelisch geworden.“ Vor 1578 hatte 15 Jahre lang keine Fronleichnamsprozession mehr stattgefunden.

„Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts, als die alte Kirche langsam wieder Tritt fasste und man nach Formen suchte, den radikalen Infragestellungen der Reformation zu begegnen, boten sich symbolische, aber publikumswirksame Veranstaltungen an. Da war die Prozession vorne dran. Und in den ‚heydays‘ der Reformation gab die Fronleichnamsprozession oft Anlass für Polemik und Handgreiflichkeiten“, so Prügl.

„Abgrenzender Charakter“

Schon bei seiner Einführung im 13. Jahrhundert habe Fronleichnam „einen abgrenzenden Charakter gegenüber sogenannten Häretikern“ gehabt, sagte der Kirchenhistoriker. Das Fronleichnamsfest war bereits „in den Ursprüngen eine Reaktion auf häretische Bewegungen“: Die Katharer stellten die reale Präsenz Christi in der Eucharistie infrage.

Fronleichnamsprozession in Wildermieming (Tirol)
APA/Stefan Dietrich
Die Fronleichnamsprozession als „Demonstration katholischer Sichtbarkeit“

Die belgische Ordensfrau Juliana von Cornillon überzeugte den Bischof von Lüttich und späteren Papst Urban IV., das Fest für seine Diözese zu dekretieren. Schon die Initiative Julianas, die sich auf Visionen berief, „ein Fest nur zu Ehren der Eucharistie einzurichten, zeugt davon, dass man diese als bedroht angesehen hat“. Urban IV. machte das Fest 1264 für die ganze Kirche verbindlich. Fronleichnam feiert die wirkliche leibliche Gegenwart Christi im Brot - etwas, das drei Jahrhunderte später die Protestanten infrage stellten.

Luther wütete gegen Fronleichnam

Im Zuge der Gegenreformation erhielt das Fest „einen ganz neuen Symbolcharakter, weil Luther die katholische Messe und die Verehrung der Eucharistie ablehnte“, so Prügl. Zwar kritisierte der Reformator nicht die Realpräsenz selbst, wohl aber die „eitle Abgötterei“, den liturgischen Pomp, der mit der Messe verbunden wurde. „Die Reformierten sind in dieser Kritik noch weiter gegangen als Luther. Für sie war das Abendmahl nur Erinnerungszeichen.“

Gesetzlicher Feiertag

In Österreich ist Fronleichnam gesetzlicher Feiertag. Das Wort ist vom mittelhochdeutschen „vron“ (Herr) und „lichnam“ (Leib) abgeleitet. Katholikinnen und Katholiken bezeugen ihren Glauben an die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie. Als sichtbares Zeichen dafür wird eine Hostie in der Monstranz durch die Straßen getragen.

Die katholische Kirche reagierte darauf mit der Betonung genau jener Aspekte, die von den Reformatoren abgelehnt wurden: unter anderem eben „die Realpräsenz und damit verbunden die Überzeugung, dass die konsekrierte Hostie auch außerhalb der Messe verehrt werden soll“, so der Theologe. Die Prozession trägt das nach außen, „man bezieht die Stadt und die Umwelt ein“.

Der Fürst erwartete von seinem Hof, dabei zu sein. Nach dem Motto „cuius regio, euis religio“ (etwa: Wer regiert, der bestimmt die Religion) gab der Landesfürst oder die -fürstin die Religionszugehörigkeit der Untertanen vor - für andere blieb nur noch das „ius emigrandi“, das Recht auszuwandern.

Demonstrations- und Protestcharakter

Nach dem Skandal um die Prozession 1578 mussten die evangelischen Prediger Wien verlassen. Das „Auslaufen“ der Protestanten, der sonntägliche Zug zu den Schlössern des evangelischen Adels um Wien, um dort am Gottesdienst teilzunehmen, wurde auch bald beendet.

Fronleichnamsprozession in Kleinmariazell (NÖ)
Kathpress/Franz Josef Rupprecht
Fronleichnamsprozession in Kleinmariazell (Niederösterreich)

Der „Rekatholisierung“ wurde mit öffentlichen Inszenierungen von Religion, zum Beispiel Wallfahrten, Rechnung getragen: „Das hatte Demonstrations- und Protestcharakter. Der Fürst demonstriert mit seiner Teilnahme seinen Glauben“, so Prügl. Die Fronleichnamsprozession war mit einer besonderen Sichtbarkeit verbunden. Es ging um die „Inbesitznahme von katholischem Herrschaftsraum. Wie auch beim Aufstellen vieler Kapellen, Marterln, Brückenheiligen und so weiter wird das Land als sichtbar katholisch reklamiert.“

Der „Engel der Gegenreformation“

So habe sich eine Frömmigkeit mit einer gewissen „triumphalistischen Haltung“ entwickelt, eng verbunden mit der zur Dramatik neigenden Barockkultur. Hier kam auch eine martialische Komponente dazu, ein „kämpferischer Wiedergewinnungscharakter“. Das schlug sich in barocken Darstellungen nieder: „Man besiegt den Teufel - die Häresie - und das verbindet man mit biblischen Narrativen von Kampf und Sieg.“ Oft wurde der Erzengel Michael dargestellt - der „Engel der Gegenreformation“ als Archetypus des Sieges über Häresie.

Ein politisches Fest

Die Prozession ist noch heute der Mittelpunkt von Fronleichnam, und es werde noch immer „öffentlich, politisch“ gefeiert, wie der Experte betont. Vertreterinnen und Vertreter der Regierung und der Stadt- oder Landespolitik sind ebenso dabei wie lokale Trachtengruppen.

Fronleichnamsprozession in Brixen, Tirol
Reuters/Dominic Ebenbichler
Fronleichnamsprozession in Brixen im Thale, Tirol

Doch auch die Kirche zeigt, was sie hat: Zahlreiche religiöse Orden gehen mit, die Grabesritter, Familiaren des Deutschen Ordens mit ihren Mänteln, die katholischen Studentenverbindungen. Sie und die vielen mitgeführten Fahnen, Heiligenfiguren und Blasmusikkapellen können der Prozession auch eine „selbstbehauptend-engagierte“ Note geben, so der Kirchenhistoriker.

Zeichen von Widerständigkeit unter Nazis

Wichtig war diese kirchlich-politische Demonstration auch im Ständestaat: Man musste zeigen, dass Österreich katholisch ist, und nutzte Anlässe, um die Gruppen in ihrer Mannstärke zu zeigen. Später hätten die Nazis „alles unternommen, um Fronleichnam mit vielerlei Schikanen zu torpedieren“, so Prügl. Schon die Teilnahme an der Prozession war ein Zeichen von Widerständigkeit: Sie konkurrierte mit den Aufmärschen der NSDAP.

Thomas Prügl, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Wien
Privat
Kirchenhistoriker Thomas Prügl

Heute „ringt die Kirche um eine adäquate Form, die auch in die Zeit passt“, sagte der Theologe. "Es ist eine Manifestation von sichtbarer Kirche. Neue Bewegungen wie das Neokatechumenat und die Loretto-Bewegung gehen verstärkt bei der Prozession mit, um dem Kardinal den Rücken zu stärken. Es gehe dabei neben der religiösen Dimension auch darum, missionarischen Einsatz zu zeigen. „Die Teilnahme an der Prozession ist Bekenntnis: Es hat etwas Demonstratives.“

Prozession zum „Flaggezeigen“

Auch für ausländische Christen und Christinnen ist Fronleichnam eine Gelegenheit, als Gruppe aufzutreten. Fremdsprachige Gemeinden, etwa von den Philippinen und aus Lateinamerika, „können sich hier in ihren nationalen Identitäten zeigen“. Hier werde die Prozession zum „Flaggezeigen“ benutzt - sie eignet sich eben gut als politisches Statement.

Hier präsentiere sich eine Gesellschaft, der Staat als Erbe der Monarchie mit seiner Religion, so der Experte. „Darum ist Fronleichnam auch so attraktiv für die Politik.“ Nicht nur die Teilnahme von Vertreterinnen und Vertretern der Politik unterstreicht das. Auch die Fronleichnamspredigt des Kardinals ist politischen Themen gewidmet, etwa sprachlicher Verrohung in der Politik und sozialer Kälte: „Und die Politiker müssen sich das anhören.“

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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