Brigitte Toman

ORF/Metafilm

„Wege aus der Einsamkeit“ und „Älter werden“

In Österreich ist jeder dritte Haushalt ein Singlehaushalt. Immer mehr Menschen sind „ganz schön allein“. Einsamkeit ist keine Krankheit – aber sie kann krank machen.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 01. Oktober 2019
um 22.35 Uhr, ORF 2

Die „kreuz und quer“-Dokumentation „Ganz schön allein – Wege aus der Einsamkeit“ von Eva Hödlmoser und Michael Cencig begleitet am Dienstag, dem 1. Oktober 2019, um 22.35 Uhr in ORF 2 Menschen, die das Alleinsein genießen, und solche, die leidvolle Erfahrungen mit der Einsamkeit gemacht haben.

Man ist nicht alt, gewiss nicht. Nicht mehr ganz jung, schon klar. Aber was ist der Mensch jenseits von nicht mehr und noch nicht? Sind Falten ein Zeichen von Charakter oder der Anfang vom Ende? Muss man als Zwangsmitglied der Generation 50 plus in einer Gesellschaft, die Jugendlichkeit und Dynamik zum Motto erhoben hat, den Motorradführerschein machen oder lieber Bilanz ziehen (oder beides)?

Ist es der Zeitpunkt für einen Neustart oder für eine Krise? Oder darf man einfach so weitermachen wie bisher? In „Älter werden“ geht Regisseurin Karoline Thaler um 23.20 Uhr diesen und weiteren Fragen nach und porträtiert Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen und Situationen. Danach steht – passend zum Thema – um 0.05 Uhr die berührende Tragikomödie „Sein letztes Rennen“ auf dem Programm von ORF 2: Dieter Hallervorden brilliert als einst legendärer Marathonläufer, der dem Alltag im Altersheim entkommen will

Brigitte Toman

ORF/Metafilm

„Ganz schön allein – Wege aus der Einsamkeit“

„Wir lernen nicht, allein zu sein“, meint der Psychotherapeut Christian Köck zu Beginn der „kreuz und quer“-Doku. Auf die Protagonistinnen und Protagonisten, die der Film porträtiert, trifft das nur bedingt zu. „Wennst allaa bist, muasst aussigehn“, sagt etwa die 70-jährige Singledame Franziska – und an anderer Stelle: „Einsamkeit ist manchmal was Schönes.“ Nicht allein der Mangel an Verbundenheit mit anderen Menschen kann einsam machen, auch der Mangel an Rückbindung an einen tieferen Grund bzw. höheren Sinn kann zum Problem werden. Unabhängig von Alter, Geschlecht oder Einkommen – jeder Mensch kann sich einsam fühlen. Kann – denn nicht jeder, der alleine lebt, fühlt sich einsam:

Die 25-jährige Anja ist von Geburt an schwerhörig, an der Grenze zur Taubheit. In der Schule wird sie des Öfteren gehänselt. Mit 14 bemerkt sie zudem, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt: „Irgendwie war die Einsamkeit auch mein Schutz, damit ich von der Gesellschaft nicht ausgelacht werde.“ Heute führt sie eine Beziehung mit einer Salzburgerin und tritt als Gebärdenpoetin auf.

Michaels Leben verändert sich schlagartig, als bei dem begeisterten Sportler und Familienvater Krebs diagnostiziert wird. Seine Ehe geht in die Brüche, nicht alle Freunde können mit seiner schweren Erkrankung umgehen, und Michael muss mit einigen Dingen alleine zurechtkommen. Seit 2010 gilt er als geheilt. Er gründet einen Verein, um Menschen nach Krebserkrankungen beim Wiedereinstieg ins Berufsleben zu unterstützen. Die 70-jährige Franziska genießt das Alleinsein. Eigentlich ist sie verheiratet – aber ihr Mann und sie leben seit Jahren getrennt. Die aktive Pensionistin ist dennoch nicht allein. Sie zieht mit ihrem VW-Transporter durchs Land, besucht Menschen, die ihr wichtig sind, und genießt es, unabhängig leben zu können. ´

Franz lebt in einem Altenheim des Diakoniewerks. Im Heim gibt es immerhin täglich Kontaktmöglichkeiten. Dennoch weiß Franz vom Gefühl der Einsamkeit zu berichten: „Früher ist man mit der Familie beisammen gewesen, und das ist jetzt nicht mehr der Fall.“ Barbara ist ein kontaktfreudiger Mensch. Doch auch sie kennt das Gefühl der Einsamkeit. Als sie schwanger war, ging die Beziehung zu ihrem damaligen Partner in die Brüche. Seither sorgt sie alleine für ihren mittlerweile zwölfjährigen Sohn Samuel. Im Wohnprojekt B.R.O.T. hat sie für sich und ihren Sohn eine Heimat und eine Lösung für ihre Probleme als Alleinerziehende gefunden. Auch ihr Nachbar Helmut, der gemeinsam mit seiner Partnerin Maria vor einem Jahr bei B.R.O.T. eingezogen ist, hat für sich erkannt: „Das Zusammenleben in dieser Form ist wirklich wie Medizin gegen Einsamkeit.“

Ein Film von Eva Hödlmoser und Michael Cencig

Bruder Rudolf Leichtfried hält ein Jugendfoto von sich in die Kamera

ORF/Metafilm/Andreas Hagemann

„Älter werden“

Für ihren Film „Älter werden“ porträtiert Karoline Thaler Menschen jenseits der 80 ebenso wie jene in ihrer Lebensmitte. Sie alle suchen Antworten auf die eine große Frage, die immer brennender wird: Was bedeutet gut zu altern? Wie will man wohnen? Wie leben? Soll man – obwohl die Grenzen spürbar werden – noch einmal den Aufbruch ins Unbekannte wagen?

Eine der Porträtierten ist Doris Uhlich. Die 1977 geborene Tänzerin und Choreografin geht mit ihren Performances der Frage nach, was Körperlichkeit im Alter bedeutet. Das Leben jedes Einzelnen ist in seinem Körper eingeschrieben, davon ist die gebürtige Oberösterreicherin überzeugt – und das ist es auch, was den alternden Körper für sie so interessant macht.

Bruder Rudolf Leichtfried zählt – obwohl Mitte 60 – immer noch zu den „jungen Brüdern“. Er hat sich mit 23 Jahren entschlossen, ins Kloster zu gehen, war fast immer von dreimal so alten Menschen umgeben und hat enge Freunde beim Sterben begleitet. In schwierigen Situationen hilft dem Ordensmann aus dem Kapuzinerkloster Irdning der Glaube.

Ilse Helbich hat keinen Glauben, an dem sie sich festhalten kann. Die 92-jährige Schriftstellerin beschreibt in ihren Büchern das Gefühl, im hohen Alter „aus der aufgetragenen Lebensgeschwindigkeit herausgefallen“ zu sein, und die damit verbundene zunehmende Einsamkeit.

Gegen die Einsamkeit im Alter arbeitet das Businesskonzept der „Vollpension“. Im Generationencafé, betrieben von Hanna Lux, arbeiten alte und junge Menschen gemeinsam. Die Qualitäten der älteren Damen als Mehlspeisenbäckerinnen werden hier besonders geschätzt. Ein guter Weg, um „glücklich zu altern“ – denn laut dem Sozialgerontologen Franz Kolland gibt es drei Bausteine, die Menschen gut altern lassen: Neben sozialen Netzwerken sind es physische und geistige Betätigungen.

Auch der 30-jährige Michael Geppert ist davon überzeugt, dass eine Aufgabe im Alter wichtig ist: Die klassische Trennung zwischen Bildung, Berufstätigkeit und Ruhestand gehöre der Vergangenheit an. In Zukunft sollen sich diese Lebensphasen mehr durchmischen.

Ein Film von Karoline Thaler