Vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder leiden unter Ausgrenzung, Armut und Misshandlungen

ORF/Rocafilm

Schwesternherz und Maria Stromberger

Frauen gelten Männern als unterlegen, häusliche Gewalt gehört zum Alltag, und der Teufelskreis vererbter Armut hat die Menschen fest im Griff: Das sind Merkmale jener Gesellschaftsschichten in Indien, die die Nonne Lucy Kurien zu verändern sucht. Doch am Beginn ihres Wirkens stand ein für sie traumatisches Erlebnis.

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ORF

Sendungshinweis

Dienstag, 18. Februar 2020
um 22.35 Uhr, ORF 2

Schwesternherz

Die Geschichte einer indischen Nonne

Lucy Kurien entstammt einer katholischen Großfamilie und ist als Tochter eines Bauern in einem Dorf im Südosten des indischen Subkontinents aufgewachsen.

Als junge Frau beschließt sie angesichts des großen Elends in den Slums der Millionenmetropole Mumbai, einem Schwesternorden beizutreten. Sie will unbedingt helfen und die Not der Armen lindern. Doch obwohl sie Kontakt zu den Slumbewohnern hat, sind ihre Möglichkeiten der Unterstützung für die junge Ordensschwester sehr eingeschränkt.

Vor allem alte Menschen, Frauen und Kinder leiden unter Ausgrenzung, Armut und Misshandlungen

ORF/Rocafilm

Als eine Frau stirbt, die Sr. Lucy Kurien zuvor um Schutz gebeten hatte, ist dies für Sr. Lucy ein Schlüsselerlebnis: Sie entscheidet sich, die Klostermauern zu verlassen. Die engagierte Ordensfrau wird zur Gründerin eines Hilfsprojektes, das sich all jener annimmt, die sonst niemanden haben.

Indien mit seinen rund 1,2 Milliarden Einwohnern ist ein Land der Gegensätze. Die moderne Entwicklung erreicht nur einen kleinen Teil der Bevölkerung. Nach wie vor leben viele Inder in Armut. Insbesondere die Slums in den indischen Metropolen zeugen von dieser Lebensrealität, aber auch die ländlichen Gebiete kennen Not und großes Elend.

Vor allem die Schwächsten der Gesellschaft — alte Menschen, Frauen und Kinder — sind davon betroffen. Inmitten dieser Zustände hilft die katholische Ordensschwester Lucy Kurien mit der von ihr gegründeten Hilfsorganisation den Bedürftigen. „Maher“, so der Name der NGO in der indischen Sprache Marathi, bedeutet „Haus der Mutter“.

Unter dem Dach der Organisation werden mehr als 20 interreligiöse Projekte betrieben: Heime für Kinder, für alte Menschen, für Frauen mit psychischen Problemen, für junge Schwangere, die von ihren Familien verstoßen wurden und nicht wissen, wohin sie sich sonst wenden sollen.

„In der indischen Gesellschaft fühlen sich die Männer den Frauen immer überlegen“, erklärt Sr. Lucy Kurien die besondere Situation in dem bevölkerungsreichen Land. Häusliche Gewalt sei allgegenwärtig und wenn die Frauen dem Druck nicht mehr Stand hielten, landeten viele von ihnen verwirrt auf der Straße.

Da sind auch junge Mädchen wie Rani, die im Film anonym ihre Geschichte erzählt; sie wurde vergewaltigt und anschließend — aus Angst vor dem drohenden Gesichtsverlust in der konservativ geprägten Gesellschaft — von ihrer Mutter verstoßen.

Alte Frauen und Männer werden von ihren Familien bei Tempeln oder Moscheen ausgesetzt. „Maher“ nimmt all diese Menschen auf, versorgt die Alten, kümmert sich um die Frauen und Kinder, bemüht sich um eine Reintegration in die Gesellschaft.

Aufklärungsprogramme sollen etwa gegen Diskriminierung wirken und das Bewusstsein dafür schaffen, dass Frauen gleichwertig sind, dass sie die gleichen Rechte haben wie Männer. Und vor allem auch die Kinder stehen bei Maher im Zentrum — für sie hat die NGO viele kleine Häuser geschaffen, in denen jeweils etwa 20 Kinder mit zwei bis drei Hausmüttern leben.

„Wir wollen Werte wie Liebe und Fürsorge weitergeben“, erzählt die Maher-Gründerin in der Dokumentation. Denn was diese verlassenen und vernachlässigten Kinder wirklich bräuchten, das sei Liebe und Zuwendung. „Und natürlich auch Bildung“, so Sr. Lucy Kurien. Der Maher-Ansatz ist dabei ein ganzheitlicher: Es gehe um eine wertorientierte Bildung, erzählt die Ordensschwester weiter. „Damit wir etwas Besseres von diesen Kindern erhoffen dürfen.“

Die Dokumentation „Schwesternherz“ der österreichischen Filmemacher Roland Horvath und Carmen Zimmermann begleitet Sr. Lucy Kurien bei ihrer Arbeit mit den Hilfsbedürftigen und zeigt deren Geschichten und Schicksale.

Auch Sr. Lucy Kurien erzählt in dem Film ihre ganz persönliche Geschichte: von ihrer Kindheit in einer Großfamilie voller Liebe und Verbundenheit, die sie geprägt hat; von ihrem inneren Antrieb, der sie leitet; von ihren Überzeugungen und ihren Idealen. Entstanden ist ein Film, der Hoffnung, Mut und die positive Kraft der Ermutigung zeigt. Die Dokumentation arbeitet mit Einstellungen und Bildern, die oft ohne Worte auskommen und gerade dadurch besonders eindringlich wirken.

Regie: Roland Horvath und Carmen Zimmermann
ORF-Bearbeitung: Sabine Aßmann
ORF-Redaktion: Christoph Guggenberger

Maria Stromberger blickt aus dem Fenster der SS-Krankenstation. Ein Häftling hilft ihr bei der Arbeit

ORF/Produktion West

Maria Stromberger

Kann man nach Auschwitz noch glauben?

Am 1. Oktober 1942 trat Maria Stromberger ihren Dienst als Krankenschwester in Auschwitz an. Sie hatte sich freiwillig um die Anstellung beworben, nachdem sie Berichte über die Gräuel im Osten gehört hatte.

Die SS-Krankenstation – Strombergers Arbeitsplatz – befand sich in unmittelbarer Nähe zum Krematorium und zur Gaskammer von Auschwitz I. Sie wurde Zeugin der tagtäglichen brutalen Gewalt und der menschenverachtenden Behandlung der Häftlinge durch Folter und Tod.

Maria Stromberger blieb jedoch nicht tatenlos und wurde zu einer wichtigen Helferin des Lagerwiderstandes. Sie trug wesentlich dazu bei, das Wissen über Auschwitz nach außen zu tragen.

Nach dem Krieg wurde sie von den Alliierten zunächst interniert und erst nach Interventionen der polnischen Regierung freigelassen. 1947 war sie schließlich eine wichtige Zeugin bei den Auschwitzprozessen in Warschau, besonders mit ihrer Aussage gegen Rudolf Höss, den KZ-Kommandanten von Auschwitz.

Maria Stromberger fühlte sich jedoch in dieser neuen Nachkriegswelt, in der Welt des Kalten Krieges, allein gelassen: In Österreich – sie lebte in Vorarlberg – erinnert man sich nicht mehr gerne an das dunkle Kapitel des Nationalsozialismus. Sie stirbt bereits 1957, im Alter von 59 Jahren, in Bregenz an einer Herzkrankheit.

Die Dokumentation „Maria Stromberger – Kann man nach Auschwitz noch glauben?“ von Anita Lackenberger und Gerhard Mader (Produktion West) führt zu den wichtigsten Stationen im Leben der mutigen Krankenschwester.

Dazu gehören Auschwitz, Kärnten, Vorarlberg und Yad Vashem in Israel, die Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust. Ausschnitte aus Originalfilmen geben Einblicke in die Verhandlungen der Auschwitz-Prozesse. Die Doku wirft auch neues Licht auf den Umgang mit nationalsozialistischen Verbrechen im Österreich der Nachkriegszeit. Zu Lebzeiten wurde sie vergessen, jetzt erinnert „kreuz und quer“ an Maria Stromberger.

35 min.
Buch und Regie: Anita Lackenberger
Redaktion: Christoph Guggenberger