Jesus Christus

Für Christen Gottes Sohn und der Messias

In einer durch die römische Besatzung zunehmend destabilisierten Gesellschaft Palästinas, trat um das Jahr 30 n. Chr. ein Mann auf, der sich Jesus nannte und aus Nazareth in Galiläa stammte; etwa drei Jahre später wurde er hingerichtet.

Nur Nebensätze über Jesus in Zeitdokumenten

Jesus war einer der Prediger, die damals für vorübergehendes Aufsehen sorgten, und mit denen die Römer aus Angst vor Aufständen kurzen Prozess machten. Er selbst hat nichts Schriftliches hinterlassen, und nur wenige außerbiblische Zeugnisse weisen beiläufig auf diesen Mann hin: Der jüdische Historiker Flavius Josephus (37 bis 100) erwähnt bei seinem Bericht über die Steinigung des Jakobus (62/63), dass dieser der „Bruder des Jesus, der Christus genannt wird“, gewesen sei. Bei dieser Stelle sind die Fachleute allerdings unsicher, ob da nicht ein späterer christlicher Einschub vorliegt.

Authentisch, wenn auch unergiebig, ist die Stelle aus den Annalen des römischen Historikers Tacitus (55 bis 120), wo er vom Zynismus des römischen Kaisers Nero erzählt: Um nämlich das Gerücht, Nero selbst habe den Brand Roms legen lassen, zum Verstummen zu bringen, unterstellte der Kaiser die Schandtat dem „Volk der Christianer“. „Derjenige“, schreibt Tacitus, „von welchem dieser Name ausgegangen, Christus, war unter der Regierung des Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden.“ Für die Geschichtsschreiber jener Zeit war Jesus nur Nebensätze wert, die Ereignisse um ihn ließen in keiner Weise größere historische Bedeutung erkennen - siehe dazu auch den Eintrag Palästina zur Zeit Jesu.

Jesus’ Wirken relativ genau datierbar

Die Evangelien nach Matthäus und Lukas sind viele Jahrzehnte nach den Ereignissen niedergeschrieben worden und enthalten nur wenige ausdrückliche historische Hinweise. So wird das Geburtsdatum Jesu einerseits noch in die Regierungszeit von Herodes dem Großen verlegt, der im Jahr 4 vor unserer Zeitrechnung gestorben ist, andererseits mit einer Volkszählung des syrischen Statthalters Qurinius in Verbindung gebracht, der sein Amt erst zehn Jahre später antrat.

Als tatsächliches Geburtsjahr Jesu wird heute das Jahr 4 angenommen. Etwas genauer ist man über den Zeitraum des öffentlichen Auftretens Jesu unterrichtet. Er steht zuerst mit Johannes dem Täufer in Verbindung, der am Jordan predigte und taufte. Johannes wurde im Jahr 29 von König Herodes Antipas, einem Sohn von Herodes dem Großen, hingerichtet. Etwa ein Jahr später, jedenfalls in der Amtszeit des römischen Prokurators Pontius Pilatus (27 bis 36) ist Jesus gekreuzigt worden.

Die heilsgeschichtliche Chronologie der Evangelisten

Die Evangelisten sind jedoch nicht an einer historischen Berichterstattung interessiert, sondern verflechten die Ereignisse mit einer heilsgeschichtlichen Perspektive:

Um das Jahr 4: Jesu Geburt

Geburt wahrscheinlich in Nazareth.
Mutter: Maria
(Zieh-)Vater: Joseph, Zimmermann

Die Evangelien gehen davon aus, dass Maria Jesus nicht von Joseph, sondern vom Heiligen Geist empfangen hat. Sie verlegen die Geburtsgeschichte nach Bethlehem, um den Zusammenhang mit dem Königshaus Davids herzustellen; denn im Alten Testament (Prophet Micha 5,1; Mt 2,6) gibt es die Verheißung, dass der endzeitliche König Israels aus Betlehem hervorgehen werde. Demselben Zweck dienen die – symbolisch zu verstehenden – Stammbäume Jesu. Mit der Geschichte von der Flucht nach Ägypten wird Jesus als zweiter Mose gefeiert, der Befreiung aus der Versklavung unter die Sünde bringt, wie Mose das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit hatte. In der Geschichte vom Kindermord in Betlehem spiegelt sich noch etwas von der Erinnerung an die Grausamkeit von Herodes dem Großen.

Die Jahre 27 und 28: Jesus als Wanderprediger

Jesus ist in der Bewegung, um Johannes den Täufer zu finden, und lässt sich von ihm taufen. Dabei öffnet sich der Himmel und eine Stimme spricht: „Du bist mein geliebter Sohn“ (Mk 1,11; Mt 3,17; Lk 3,21; Joh 1,32), eine Einsetzung in die Vollmacht Gottes. In der Folge tritt Jesus unabhängig von Johannes auf, wandert predigend durch Galiläa und Samaria, und predigt vom Gottesreich, das nahe bevorsteht.

Um das Jahr 30: Tod am Kreuz und Auferstehung

Jesus ist zum Pessachfest (mit dem die Juden die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei feiern) in Jerusalem, wird verhaftet und gekreuzigt. Dass sich ein predigender Galiläer in die Kultmetropole Jerusalem begab, konnte nicht gut ausgehen, zumal sich Jesus auch alles andere als diplomatisch verhalten haben dürfte. Sein Zorn über die ziemlich unheiligen Zustände – weit mehr Tourismus als Wallfahrt – ließen ihn politisch gefährlicher erscheinen, als er war.

„In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst.“ Joh 1,4 f.

Die Sadduzäer hielten dafür, dass die Ruhe nicht gestört werden dürfe und fanden Verständnis beim römischen Statthalter Pontius Pilatus, der lieber einen potenziellen Unruhestifter zu viel als einen zu wenig beseitigte. Jesus wehrte sich nicht, und sein Weg ans Kreuz wird als das Licht Gottes verstanden, das in die Finsternis einer gewalttätigen Welt scheint und die Menschen auf einen neuen Weg führen will (Joh 1,4 f.). Seine Anhänger fliehen zunächst nach Galiläa und verstecken sich dann in Jerusalem. Sie erfahren aber, dass er auferstanden ist und begegnen ihm.

Wie ist Jesus Christus aufzufassen?

Die Frage, wer dieser Jesus Christus war, als wer er zu denken sei, bewegte die christliche Theologie von ihren Anfängen an. Schon im Neuen Testament finden sich mehrere Varianten, das Herausragende an dieser Gestalt zum Ausdruck zu bringen. Die himmlische Stimme bei der Taufe wird so verstanden, dass Gott den Menschen Jesus als Sohn angenommen habe („adoptianistische Christologie“). Eine andere Vorstellung findet sich im Johannesevangelium: Christus ist der Logos, das Schöpfungswort, das schon vor aller Zeit bei Gott war, dann in die Welt gekommen und zum Vater zurückgekehrt ist („Präexistenz-Christologie“).

Während Paulus die Jungfrauengeburt nicht erwähnt – sie kommt nirgends in seinen Schriften vor –, spielt sie in den Kindheitsgeschichten des Matthäus- und Lukasevangeliums eine wichtige Rolle: Dadurch, dass Maria Jesus vom Geist Gottes empfangen hat, wird die Herkunft Jesu von Gott und nicht von einem menschlichen Vater betont („Gottessohn-Christologie“).

Jesus’ Rolle als Gottes Sohn im Zentrum der Theologie

Diesen frühen Denkmodellen folgten im Laufe der Geschichte noch viele andere. Bis heute beschäftigt die Frage, wie die Gestalt Jesu Christi zu verstehen sei, Theologen aller Konfessionen, Bischöfe, Päpste und Konzilien. Das einander Widersprechende, der ewige ungezeugte und nicht zeugende Gott und Jesus, der von einer Frau geborene Mensch, zusammenzudenken und doch auseinanderzuhalten, diese Form eines dialektischen Denkens steht im Zentrum christlicher Theologie. Dass sich Europa durch Jahrhunderte mit solchen Denkformen beschäftigt hat, ist nicht ohne Einfluss für Kultur und Zivilisation auf diesem Kontinent geblieben.

Übersichtsartikel zum Christentum

Siehe dazu auch im ORF-Religionslexikon:

ORF-TVthek-Medienarchiv Christentum: