Wiese mit Hütte im Hintergrund
Pixabay/Pexels
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Burgenland

Aufschwung von umstrittener Anastasia-Bewegung

Der Österreichische Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus hat die in Österreich immer mehr populär werdende Anastasia-Bewegung untersucht. Ihr am Montag veröffentlichter Bericht zeichnet ein Bild einer sektenähnlichen Gruppe mit rechtsextremistischen Anschauungen. Ein Mitglied der Bewegung dementiert.

Für Lisa Fellhofer, Direktorin der Dokumentationsstelle, handelt es sich bei der aus Russland kommenden Bewegung um eine esoterische Strömung mit antisemitischen und völkischen Lehren. Darum beschäftigt sich auch der Österreichische Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem politischen Extremismus (Dokumentationsstelle Politischer Islam) mit der Gruppierung.

Die Anastasia-Bewegung beruft sich auf die Romane des russischen Unternehmers und Schriftstellers Wladimir Megre, wobei im Mittelpunkt die fiktive Protagonistin Anastasia steht. In zehn Bänden, die zwischen 1996 und 2010 erschienen sind, beschreibt Megre seine Begegnungen mit der Einsiedlerin Anastasia, die in der sibirischen Taiga lebt und übernatürliche Kräfte besitzt.

„Führungsperson“ Anastasia

Anastasia, so der Bericht der Dokumentationsstelle, werden in den Büchern übernatürliche Kräfte zugeschrieben. Sie lebe im Wald, könne mit einem „Gedankenstrahl“ Informationen übertragen und Menschen heilen. Anastastia gelte als „Führungsperson“ und Leitbild für eine ideale, naturverbundene Lebensweise. So rufe sie Leser und Leserinnen in den Büchern auf, „Familiensitze zu gründen und im Einklang mit der Natur zu leben, um der modernen, auch als ‚technokratisch‘ bezeichneten Welt zu entkommen“, heißt es im Bericht der Dokumentationsstelle.

Diesem Aufruf folgen auch Anhänger und Anhängerinnen der Anastasia-Bewegung. In Deutschland sind nach Schätzung von Journalisten und Journalistinnen rund 800 Personen Teil der Bewegung, wobei diese teilweise in rund 17 Familienlandsitzen und Siedlungen organisiert sind, so der Bericht der Dokumentationsstelle.

In Österreich ist die Bewegung seit 2012 vertreten, wobei die Anhängerinnen und Anhängern vor allem im Südburgenland aktiv seien, so eine Aussendung der Dokumentationsstelle. 2021 wurde in Poppendorf im Burgenland (Bezirk Jennersdorf) die Akademie Elysion gegründet, ein Landsitz im Sinn der Empfehlungen Anastasias, der sich nach Eigenangaben über 53 Hektar erstreckt. Wie burgenland.ORF.at allerdings am Dienstag berichtete, ist der Kauf laut dem Eigentümer nicht zustande gekommen. Der Verein habe die nötigen finanziellen Mittel nicht aufbringen können, sagte er gegenüber dem ORF Burgenland. Der Präsident des Vereines, der aus Deutschland zugereiste Norman Kosin, bestätigte das.

Antisemitisches Gedankengut in „Anastasia-Büchern“

Mit steigender Popularität der Bewegung geriet die umstrittene Gruppierung in den vergangenen Jahren ins Visier der Bundesstelle für Sektenfragen, der Extremismusstelle Steiermark und des früheren Bundesamts für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung (BVT). Wie religion.ORF.at vom Innenministerium mitgeteilt wurde, wird die Bewegung „nach wie vor von den Staatsschutzbehörden beobachtet“.

Die Anastasia-Bewegung wird von der Dokumentationsstelle als antisemitisch eingestuft, da in Passagen der Anastasia-Romane „Jüdinnen/Juden verpönte Eigenschaften und die Schuld für ihre Verfolgung zugeschrieben“ werde. Ihre systematische Verfolgung sei die Strafe dafür, dass sie versucht hätten, „so viel Geld wie nur möglich in ihren Händen zu konzentrieren“, wie es im siebten Band der Anastasia-Romane heißt.

Immer wieder sei vom „Kampf zwischen Gut und Böse“ die Rede, so die Dokumentationsstelle. Die westliche Demokratie werde abgelehnt und als „Dämonkratie“ verunglimpft.

Verbreitung von antisemitischem Gedankengut

Zwei Leiter von Siedlungen, die von Anastasia-Romanen inspiriert wurden, werden in Zusammenhang mit der Verbreitung von antisemitischen Aussagen namentlich genannt. Sie sollen Jüdinnen und Juden unterstellt haben, „systematisch negative Absichten zu verfolgen“.

Einer von ihnen ist Norman Kosin, der Gründer der Akademie Elysion in Poppendorf. Er teilte auf seinem Facebook-Profil ein YouTube-Video mit dem Titel „Das Geheime Netzwerk der Rockefellers“. Das Video, so der Bericht der Dokumentationsstelle, verbreite die imaginierte, antisemitische Behauptung, dass die Familie Rockefeller die Welt „aus dem Schatten heraus“ regiere und den menschlichen „Verstand kontrollieren“ wolle.

Kosin dementiert Judenfeindlichkeit

In dem Video wird zu Beginn auf die Abstammung der Rockefellers von sephardischen Juden hingewiesen. Das „Tentakelnetz“ der „skrupellosen“ Familie würde alle Lebensbereiche umspannen, auch die amerikanische Regierung, Medien oder das FBI. Darum könnte die Familie die größten Verbrechen begehen und niemand habe die Macht gegen sie vorzugehen.

Von religion.ORF.at nach einer Stellungnahme zu den Vorwürfen der Dokumentationsstelle gebeten, antwortete Kosin, dass er die Inhalte des geteilten Videos in seiner persönlichen Wahrnehmung „als wahr“ empfinde.

Er sei jedoch weder „judenfeindlich“ noch politisch „rechts“. In einer Mail, die religion.ORF.at vorliegt, verteidigt sich Kosin dagegen in „die Schublade der judenfeindlichen Menschen gesteckt“ zu werden. Er schreibt: „Ich kann Ihnen sagen, nur weil einige meiner Posts mit unschönen Inhalten Juden sind (ehrlich gesagt weiß ich nicht mal, wer alles von denen Jude, Christ usw. ist), heißt das nicht, dass ich etwas gegen Juden oder andere Religionen und Kulturen habe.“ Außerdem distanziert sich Kosin von den „politischen Kapiteln“ in den Anastasia Büchern. Für ihn seien „die Themen rund um das Leben in und mit der Natur von Bedeutung“.

Verschwörungstheorien

Die Dokumentationsstelle, die den Auftritt Kosins auf sozialen Medien untersucht hat, hat in ihrem Bericht außerdem darauf hingewiesen, dass in den geteilten Inhalten „die Synergie zwischen Ideen der Anastasia-Bewegung und Verschwörungstheorien zur Pandemie zum Vorschein“ kämen. Schon im Video „Das Geheime Netzwerk der Rockefellers“, das Kosin geteilt hat, wird behauptet, dass Bill Gates, Elon Musk oder Jeff Bezos „Marionetten“ seien, die die Aufmerksamkeit von den Rockefellers und ihren konspirativen Absichten ablenken wollten.

Laut Dokumentationsstelle habe Kosin auch ein Video auf Facebook geteilt, das an die Verschwörungstheorie anschließe, Bill Gates wolle Menschen mittels Impfungen Mikrochips einsetzen, um sie anhand dieser zu steuern. Kosin bestätigte das Teilen dieses Videos gegenüber religion.ORF.at. Er wehrt sich aber gegen die Zuschreibung „Verschwörungstheorien“ zu verbreiten. Man benütze dieses Wort seiner Meinung nach für alles, was man sich nicht vorstellen könne oder nicht öffentlich sagen dürfe.

Bewegung setzt auf Soziale Medien

Kommuniziert wird in der Anastasia-Bewegung laut Dokumentationsstelle über soziale Netzwerke und Messengerdienste wie Telegram, die zur Ausbreitung von „Anastasias" Ideen“ genutzt werden. Insbesondere in der Covid-19-Pandemie hätten diese Ideen einen Aufschwung erlebt.

Denn gerade in Zeiten des Umbruchs böten sie scheinbar allumfassende Erklärungen. Allerdings würden sie auf einem Schwarz-Weiß-Denken beruhen, so der Bericht. Die Dokumentationsstelle sieht in der Annahme, dass nur Anastasias Ideen die Wahrheit enthalten sollen und darum hinter die Kulissen und den „Deckmantel der Dämonkratie“ blicken lassen, einen „fließenden Übergang zu weiteren Verschwörungstheorien, etwa zu den Inhalten von QAnon“. Soziale Medien würden den Austausch der Gruppen begünstigen.