Das Messias-Phänomen

„Hosianna! Hosianna!“, haben die Menschen begeistert gerufen, als Jesus einst mit seinen Jüngern in Jerusalem eingezogen ist. Kinder und Erwachsene haben fröhlich ihre Palmenwedel geschwenkt. Und statt eines roten Teppichs haben sie ihre Kleider auf der Straße ausgebreitet.

Zwischenruf 25.3.2018 zum Nachhören:

Es war ein echtes Volksfest! – Nur wenige Tage später allerdings hat dieselbe Menschenmenge ebenso frenetisch „Kreuzige ihn!“ gerufen.

Hermann Miklas
ist Superintendent der evangelisch-lutherischen Diözese Steiermark

Wenn die Verzweilung groß genug ist

„Heil! Heil!“, haben die Menschen ebenso begeistert gerufen, als Adolf Hitler am 12. März 1938 (also vor ziemlich genau 80 Jahren) in Österreich eingezogen ist. Kinder und Erwachsene haben fröhlich ihre Fahnen geschwenkt mit lauter kleinen Hakenkreuzen drauf. Wo immer der „Führer“ hinkam, waren die Straßen festlich geschmückt. Es waren echte Volksfeste. Doch diesmal sollte es fast sieben Jahre dauern, bis sich die Menschen von diesem „Messias“ endgültig losgesagt haben.

Die Parallelität der Ereignisse macht schon nachdenklich. Sie hat mich in den letzten Tagen sehr beschäftigt. Wie ist das mit dem Messias-Phänomen? Hat Hitler sich womöglich den Einzug Jesu in Jerusalem (bewusst oder unbewusst) zum Vorbild genommen? Und rückt der 12. März 1938 nun den biblischen Palmsonntag nachträglich in ein schräges Licht?

Zwischenruf
Sonntag, 25.3.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Wenn Menschen kaum mehr Licht am Horizont sehen, sind sie empfänglich für strahlende Erlösergestalten aller Art. Sind sie bereit, ihnen blind zu vertrauen. Sind sie bereit, oft wider alle Vernunft ihre ganze Hoffnung auf diesen einen, allerletzten Lichtstrahl zu setzen. Das war vor 2000 Jahren so. Das war vor 80 Jahren so. Und das erleben wir heute oft genug wieder. Ich wage sogar zu behaupten: Niemand von uns ist davor gefeit, sich in bestimmten Situationen genauso zu verhalten. Die Verzweiflung muss nur groß genug sein!

Kriterien zur Unterscheidung

Gibt es dennoch Kriterien zur Unterscheidung der Geister? Die Begeisterung der Massen allein kann offenbar noch kein ausreichendes Kriterium sein. Die Massen haben schon Guten und auch Bösen zugejubelt. Der anschließende tiefe Fall des Helden aber kann es ebenso wenig sein: Es sind schon Gute gefallen, während der Mythos von Bösen überlebt hat.

Adolf Hitler ist mit offenem Mercedes eingefahren, auf einem Stockerl stehend, damit er größer wirkt als er eigentlich war. Jesus hingegen ist auf einem Esel eingeritten, dem Inbegriff eines Lasttieres für arme Leute. Auf den ersten Blick vielleicht nur ein kleiner, scheinbar vernachlässigbarer Unterschied – bei genauerem Hinsehen allerdings doch ein signifikanter. Geht es darum, den eigenen Ruhm „groß“ zu machen? Oder geht es wirklich darum, den Menschen im besten Sinn des Wortes zu „dienen“?

Kritisches Denken

Die entscheidende Frage aber ist: Macht der Glaube an den Erlöser trunken, löscht er das eigenständige Denken aus – oder befreit er letztlich zu neuer Mündigkeit? Bedient er sich plakativer Feindbilder, braucht er Sündenböcke, entfesselt er die Lust an der Erniedrigung anderer – oder leistet er einen konstruktiven Beitrag zu einem wertschätzenden Umgang mit allen?

Leider ist auch das Christentum in seiner Geschichte immer wieder einmal zu einer Menschen verachtenden Ideologie verkommen. Das Evangelium von Jesus Christus hatte allerdings auch stets das Potenzial zur Selbstreinigung in sich. Und es vermag bis heute Begeisterung mit kritischem (auch selbstkritischem) Denken gut zu verbinden.