Mütter im Gefängnis

Bei meinen Besuchen im Gefängnis, treffe ich auch auf Mütter, die in Haft sind. Manche von ihnen haben ihr Kind in der Haft geboren und dürfen es bei sich behalten. Andere sind für Monate oder Jahre von ihren Kindern getrennt. Dann leben die Kinder in Einrichtungen der Jugendwohlfahrt. Oder bei den Vätern, bei den Großeltern oder in Pflegefamilien.

Zwischenruf 13.5.2018 zum Nachhören:

Inhaftierte Mütter sind keine Rabenmütter. So wie alle anderen Mütter leiden sie unter der Trennung von ihren Kindern. Sie machen sich viele Gedanken, wie es ihren Kindern geht. Eine Frau, ich nenne sie Franziska, hat für mich aufgeschrieben, wie sie und ihre Familie mit der schwierigen Situation umgehen.

Christine Hubka
ist evangelische Theologin und Gefängnisseelsorgerin

Die Nerven liegen plank

O mein Gott! Ich bin verhaftet und rechtskräftig verurteilt worden. Mir stehen einige Jahre Freiheitsstrafe bevor. Wie soll ich das meinem Kind erklären? Mein kleiner Sohn wird doch gerade windelfrei. Wie sehr schmerzt der Gedanke, seine kleinen nackten Füßchen nicht über das Parkett trippeln zu hören, bevor ihn sein Papa ins Bett bringt. Ja, zum Glück ist mein Mann da.

Bisher war ich diejenige, die sich um Kind, Haushalt und Kochen gekümmert hat. Bei seinem ersten Besuch erzählt er mir, dass sie sich seit zwei Wochen von Wurstsemmeln ernähren. Mein Herz pocht. Der Schmerz geht so tief, wie ich es davor noch nie erlebt habe.

Im Gefängnis gibt es die Möglichkeit, dass Kinder ihre Mütter besuchen. Und das ist gut so. Denn dann können sie sich selber davon überzeugen, dass es der Mama gut geht. Wer wie Franziska sich vor dem Besuch ein paar kleine Spiele, eine Beschäftigung mit dem Kind ausdenkt, hilft ihm, mit der Situation zurecht zu kommen. Sie erzählt:

Zwischenruf
Sonntag, 13.5.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Kurz vor dem ersten Besuch von meinem Kind liegen die Nerven blank. Bloß nicht weinen. Ich will ihm doch keine Angst machen. Ich nehme Buntstifte und einen Zeichenblock mit. Nach kurzer Zeit merke ich, dass meinen Sohn die Umgebung nicht interessiert. Er ist glücklich, bei mir zu sitzen, mit mir zu kuscheln und wir malen gemeinsam Bilder seiner Lieblingsfiguren. Beim Abschied kann ich die Tränen nicht mehr halten. Doch es passiert etwas Erstaunliches. Mein dreijähriger Sohn winkt im Weggehen und ruft: „Du musst nicht weinen, Mami, alles ist gut!“ Das zählt am Ende des Tages, dass alles gut sein wird irgendwann, vielleicht morgen, vielleicht erst in ein paar Jahren oder vielleicht auch jetzt schon.

Die Wahrheit zumuten

Auch Mütter im Gefängnis wissen und spüren, was ihrem Kind guttut. Franziskas Sohn hat großes Glück, dass ihm die Mutter und die ganze Familie die Wahrheit sagen. Oft bekommen Kinder unwahre Geschichten erzählt über die abwesende Mama, die angeblich arm und krank in der Klinik liegt und nicht und nicht gesund wird. Da bleibt das Kind dann mit seinen Sorgen und Gedanken allein, denn sie können ihre Mama dort im angeblichen Krankenhaus ja nie besuchen.

Andere müssen Ausreden erfinden, wenn sie statt in die Schule zu gehen, die Mutter im Gefängnis besuchen, weil die Erwachsenen es nicht wagen, in der Schule die Haft der Mutter bekannt zu geben.

Franziska erzählt weiter: Anfangs hat mein Sohn nie gefragt, wo oder gar warum ich woanders bin. Ihm war wichtig, mich zu sehen, mich zu hören und gezeichnete Briefe zu bekommen. Offenbar fragen Kinder Dinge, mit deren Antworten sie auch umgehen können. Nach einiger Zeit – im Volksschulalter – habe ich ihm erklärt, dass ich in Haft bin und es noch einige Zeit dauern wird, bis ich wieder nach Hause kommen werde. Und dass wir dann wieder ganz normal leben werden.

Wer seinen Kindern die Wahrheit zumutet, macht ihnen das Leben nicht schwerer, sondern leichter. Und kein Kind muss sich für seine inhaftierte Mutter schämen. Denn auch Mütter im Gefängnis können im Rahmen der Möglichkeiten für ihr Kind da sein und ihm zeigen, dass sie es lieb haben. Wie in so vielen Bereichen des Lebens gilt auch hier das Wort Jesu: Die Wahrheit wird euch frei machen. (Joh 8, 32)