Selig sind die Barmherzigen...

Hubert und Lukas sind zornig. Sie haben sich richtig in Rage geredet, weil ich gesagt hab, was ich von den ewigen Studenten halte, die sich derzeit wieder in schlagenden Burschenschaften sammeln, sich in ihrer Selbstüberschätzung sonnen und in ihrer Überheblichkeit tatsächlich der Meinung sind, dass ihnen alles zusteht im Leben, weil sie angeblich zur Herrenrasse gehören.

Zwischenruf 17.6.2018 zum Nachhören:

Hubert ist knallrot vor Zorn und schreit mich an, dass er meine „angeblich christliche“ Haltung den Flüchtlingen gegenüber schon lange satt hat und mein Bekenntnis zu einem Gott, den es sowieso nicht gibt, auch … und dass es jetzt endlich Zeit wird, dass nur die Fleißigen den Lohn erhalten, der ihnen zusteht und alle anderen, die faul sind und nicht arbeiten wollen und nur daherkommen, um den österreichischen Sozialstaat auszubeuten, sollen schauen, wie sie mit dem Leben fertig werden. „Die sollen alle absaufen im Mittelmeer, die brauchen wir hier nicht!“, schreit er. „Endlich geben in Österreich wieder Menschen den Ton an, die was vom Leben verstehen“, schnauzt er mich an, knallt die Tür zu und ist fort. Mir ist schlecht.

Sieglinde Pfänder
ist evangelisch-lutherische Pfarrerin in Oberwart im Burgenland

Tief gestürzt

Gestern erst war eine Frau bei mir, die mit der verkürzten Mindestsicherung nicht mehr zurecht kommt. Sie kann die Miete nicht zahlen … und nicht den Essensbeitrag für ihren Sohn im Kindergarten. Ihre Haare waren strähnig und ihr Blick leer. Ihre Hände fahrig. „Alimente kann der Ex nicht zahlen, der hat seine eigenen Probleme“, murmelte sie. Arbeiten gehen kann sie nicht. Sie ist seit ihrer Scheidung ein psychisches und physisches Wrack.

Und ich denk an Herrn Maier, der einmal ein tüchtiger Polier gewesen ist und dann vor zwei Jahren einen Arbeitsunfall hatte und fünf Meter in die Tiefe gestürzt ist. Er kann auch nicht mehr arbeiten.

Er gehört jetzt nicht mehr zu den Fleißigen

Heute verschanzt er sich lieber in seinem dunklen Zimmer und wartet jede Woche sehnsüchtig darauf, dass ihm der Nahversorger die Bierkisten ins Haus bringt … und den Schnaps, damit er vergessen kann, dass er jetzt ein Looser ist. Ein Versager, der in dieser Leistungsgesellschaft seinen Teil nicht mehr leisten kann.

Zwischenruf
Sonntag, 17.6.2018, 6.55 Uhr, Ö1

Ich denke auch an den jungen Iraker, der eigentlich Kommunikationstechniker ist und der einzige Sohn eines Arztes, der mitten in Mossul ein dreistöckiges Haus besitzt … und jetzt nur mehr die Fotos von einer Ruine in der Hand hält, in der seine Eltern ihr Leben fristen, weil sie für die Flucht zu alt sind. „Wir können dort nicht mehr leben, Frau Sieglinde“, sagt er. „Es ist kein Frieden.“ Bei uns lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter auf 25m². Damit ihm die Decke nicht auf den Kopf fällt, unterstützt er die Diakonie als Fahrer bei Essen auf Rädern. Jeden Tag fragt er mich: „Hast du Arbeit? Ehrenamtliche Arbeit, aber bitte auch eine in meinem Beruf, damit ich nicht alles, was ich einmal gelernt habe, vergesse!“ Aber er darf nicht arbeiten. Er ist ein Flüchtling im Asylverfahren. Er darf sein Wissen bei uns nicht einbringen.

...sie werden Barmherzigkeit erfahren

Bahram, der das Brückenmodul in der HBLA besucht hat, um Deutsch zu lernen und sich gleichzeitig die nötigen Handgriffe angeeignet hat, um als Tourismusfachmann Arbeit zu finden, wurde in einem Hotel als Lehrling aufgenommen. Er ist dort fleißig und gut integriert. Er freut sich über diese Möglichkeit, in einem Mangelberuf eine Zukunft zu finden. Trotzdem wurden ihm zwei negative Bescheide ausgestellt. Obwohl er arbeitet, obwohl er für sich selber sorgt und keine Grundversorgung beansprucht, ist er akut von Abschiebung bedroht.

„Endlich geben in Österreich wieder Menschen den Ton an, die was vom Leben verstehen!“ Ob das wirklich stimmt? Wie gut tut es mir, an solchen Tagen des Streits und des Zweifels, die Seligpreisungen zu lesen: Matthäus 5. Wie gut tut es mir, an solchen Tagen zu hören: „Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erfahren!“