Brexit und die Kirchen

Autobomben, Molotow-Cocktails, Verletzte und womöglich Tote: Es ist schon viele Jahre her, da gehörten solche Szenen fast zum traurigen Alltag auf der irischen Insel. Als Ende Jänner eine Autobombe im nordirischen Londonderry explodierte, sahen viele die schlimmen Zustände des früheren Irland-Konflikts aufziehen.

Zwischenruf 17.2.2019 zum Nachhören:

Jahrzehntelang hatten sich irisch-katholische Nationalisten und protestantische Loyalisten auf der irischen Insel bekämpft. 1998 wurde der Nordirland-Konflikt durch das sogenannte Karfreitagsabkommen beendet. Die IRA, die jahrzehntelang gewaltsam für eine Loslösung Nordirlands von Großbritannien gekämpft hatte, schwor der Gewalt 2005 offiziell ab. Und nun drohen mit dem näherrückenden Brexit tatsächlich wieder Unruhen auf der irischen Insel.

Marco Uschmann
ist evangelischer Pfarrer und Chefredakteur der Zeitschrift „Die Saat“

Destabilisierender Effekt

Ende März ist es, nach derzeitigem Stand, soweit: England verlässt die Europäische Union. Der Brexit rückt näher und näher. Es gibt natürlich viele Schwierigkeiten, eine der größten ist die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. Wenn England die EU verlässt, dann auch Nordirland – die Republik Irland bleibt in der EU. Bei allen wirtschaftlichen und politischen Wirren um diese Frage halten sich die Kirchen ziemlich heraus.

Vergangene Woche nun war der nordirische Methodistenpfarrer David Turtle bei einer Konferenz in Wien. Für Turtle bedeutet es auf jeden Fall einen Rückschritt, wenn England die EU verließe, denn es macht die Einigung zwischen Nordirland und der Republik Irland erheblich schwieriger. Sehr verallgemeinert könnte man sagen, dass die Katholiken mehrheitlich für den Verbleib in der Union gestimmt haben und die Protestanten in der Mehrzahl die Union verlassen wollten. Aber im großen Ganzen sei das nicht durchgängig der Fall gewesen.

Zwischenruf
Sonntag, 17.2.2019, Ö1

Für den längst überwunden geglaubten Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten in Irland und Nordirland traut sich der Pfarrer keine Prognose abzugeben. Irland habe sich in den letzten 20 Jahren stark verändert, es sei nicht mehr dasselbe Land wie früher. So gebe es nicht mehr diese breite Unterstützung der Gewalt auf beiden Seiten – lediglich eine winzige Minderheit würde Gewalt unterstützen. Dennoch hätte dieses politische Beben einen destabilisierenden Effekt, das stehe außer Zweifel.

Es gibt ein Leben nach dem Brexit

Auf die methodistische Kirche in Irland, und auch auf die anderen Kirchen, kommen mit dem Brexit noch ganz andere Schwierigkeiten zu: Denn es ist ja eine Kirche, also eine Verwaltungseinheit mit einem Dienstrecht, die in zwei Staaten wirkt, von denen einer in der EU ist und der andere nicht. Jede Fahrt über diese Grenze wird dann erheblich länger dauern. Jedes Gepäckstück droht, genau unter die Lupe genommen zu werden. Auch beim Religionsunterricht wird manches komplizierter, wenn eine Kirche in zwei Staaten Religionsunterricht erteilt. Das mag derzeit gut funktionieren, aber was es bedeutet, dies innerhalb und außerhalb der Europäischen Union zu organisieren, kann heute niemand absehen.

So blickt Pfarrer Turtle mit gemischten Gefühlen auf den Brexit. Er weiß, dass das Leben in der Kirche in Irland nicht einfacher wird, wenn es einen EU-Teil und einen Nicht-EU-Teil der irischen Insel gibt. Denn diese Bruchlinie wird mitten durch seine Kirche gehen und was auch immer geschehen wird, die Menschen innerhalb der Kirche bleiben ja Geschwister. Man wird weiterhin nebeneinander auf den Kirchenbänken sitzen, miteinander singen und beten. Und man muss einander weiterhin in die Augen schauen können und einander vertrauen können. Das gilt für die Kirche ebenso wie für Kollegen und Kolleginnen, Geschwister oder Lebenspartner. Es wird vielleicht sogar hier und da Gegner in diesen engen Lebenszusammenhängen geben. Da wird es dem einen oder der anderen unter Umständen schwer fallen, weiterhin vertrauensvoll miteinander umzugehen.

Dasselbe gilt natürlich auch für die gesamte englische Gesellschaft: Es gibt ein Leben nach dem Brexit, und das muss gemeinsam geführt werden. Es kann sein, dass hier eine gewisse Versöhnungsarbeit ansteht – und zwar nicht nur innerhalb der methodistischen Kirche Irlands. Sondern innerhalb der britischen Gesellschaft. Dabei können die Kirchen ein gutes Vorbild abgeben. Denn hier gilt die hohe Kunst der Versöhnung und des Respekts. Und gerade das gilt weit über die Grenzen Englands hinaus. Das gilt überall.