Sicherheit und Frieden

Die Bedrohung durch Corona hier – Berichte über Gewalttaten dort. In diesen Tagen nehme ich als Seelsorger das Bedürfnis nach Sicherheit und Frieden besonders stark wahr.

Zwischenruf 1.3.2020 zum Nachhören (bis 28.2.2021):

Da bekommen wir jeden Tag die schrecklichsten Geschichten ins Haus geliefert. Zuletzt die Geschichte eines Autofahrers, der in einen Faschingsumzug rast mit dem Ziel, möglichst viele Menschen zu verletzen oder gar zu töten.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Recht des Stärkeren

Wenige Tage zuvor erschießt ein anderer Mann gezielt Gäste in zwei Shishabars in der Stadt Hanau. Dann bringt der Todesschütze seine Eltern und danach sich selbst um. Dort war das Motiv ideologischer Natur, denn in Shihabars wurden fremdländische, nichtdeutsche Gäste vermutet.

In der Oststeiermark in Großwilfersdorf erschießt ein Mann seine Ex-Freundin, die sich schon länger bedroht gefühlt hat. Fast jeden Tag können wir solche Schlagzeilen lesen. Hinter jeder dieser Schlagzeilen verbirgt sich eine Tragödie, bricht für Menschen und ganze Familien eine Welt zusammen. Es ist müßig, sich zu fragen, ob es heute mehr Gewalt gibt als früher. Tatsache ist, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben und mit dieser über die Medien konfrontiert werden.

Wir haben uns gewöhnt an die Nachrichten über die Flucht hunderttausender Menschen aus Idlib vor den russischen und syrischen Bomben und Raketen. Wir nehmen zur Kenntnis die Gewaltexzesse an den Außengrenzen der EU, die es ja – wie viele meinen - mit allen Mitteln vor bösen Eindringlingen zu schützen und zu verteidigen gilt, auch mit Waffengewalt. Und wenn es hart auf hart geht, zählt international viel zu oft nicht mehr das Völkerrecht sondern das Recht des Stärkeren.

Wie aus einer anderen Welt

In der Bibel finden sich Worte, die dem Gewaltdenken diametral entgegenstehen. Die Bergpredigt Jesu, die in der jüdischen Thora, den fünf Büchern Mose, wurzelt und auf die sich Jesus bezieht, ist voll von Ansagen und Aufforderungen, die für das damalige Establishment eine unglaubliche Provokation gewesen sein mussten. Diese Aussagen sind bekannt und werden heute von vielen belächelt. In der Bergpredigt heißt es konkret:

Zwischenruf
Sonntag, 1.3.2020, 6.55 Uhr, Ö1

„Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Ihr habt gehört: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“

Sätze, wie aus einer anderen Welt, aber gerade deshalb so kraftvoll und aufwühlend. Da spricht und handelt einer nach einer ganz anderen Logik, und er tut das konsequent bis zum eigenen Tod am Kreuz, als Opfer staatlicher Gewalt. Diese Aufforderung Jesu entspringt weder einem Masochismus noch einem Altruismus sondern der Überzeugung, dass nur so die Spirale von Gewalt und Vergeltung unterbrochen werden kann.

Taten der Feindesliebe

Bei jeder einzelnen grausamen und unmenschlichen Tat genügt es für mich nicht, den Täter oder die Täterin zu bestrafen. Das Evangelium lädt uns dazu ein, auch denen, die andere Menschen mit Hass verfolgen, mit Liebe zu antworten. Das mag ähnlich unverständlich und wenig nachvollziehbar sein, wie eine gewalttätige Reaktion aber es wird mehr Gutes in die Welt bringen, als Gewalt und Vergeltung.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Welt etwas friedlicher wäre, wenn Menschen nicht so viel Energie in Sicherheit, Selbstschutz und Durchsetzungsvermögen setzten sondern in Verständnis und Respekt, in Achtsamkeit und Nächstenliebe. Wer gewalttätig ist, bekommt oft eine Öffentlichkeit, die manche zur Nachahmung anregt. Ich wünsche mir so eine Öffentlichkeit bei Taten der Nächsten- oder gar Feindesliebe. Und es gibt diese Taten, auch wenn wir davon kaum erfahren. Ein Beispiel sind zivile Friedensdienste, die weltweit aktiv sind, um bewaffneten Konflikten vorzubeugen oder die vielen kleinen Initiativen, bei denen Menschen aus vefeindeten Völkern zusammenarbeiten über die Fronten hinweg. Es gibt tatsächlich Menschen, die die Bergpredigt auch leben. Gott sei Dank!