Franz von Assisi: Der heilige Ketzer

Als Bettelmönch und Ordensgründer hat Franz von Assisi (1181/82 - 1226) die Kirche des Mittelalters geprägt und verändert wie kein anderer. Zeitnah zu seinem Gedenktag am Dienstag erschien ein neues Buch über sein Leben und Nachwirken.

Wie wurde aus dem bürgerlichen Lebemann Giovanni Battista Bernadone der asketische Bettelprediger Franziskus, der „immer kleiner ist als alle anderen“ und trotzdem einen der wichtigsten katholischen Orden gründete? Und was wurde aus seiner Vision von einem Leben in der Nachfolge von Jesus Christus? Der Religionsphilosoph Gunnar Decker geht diesen Fragen in seinem Buch „Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben“ nach.

Das älteste erhaltene, noch zu Lebzeiten entstandene Bild Franz' von Assisi, Fresko im Kloster Sacro Speco in Subiaco

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Das älteste erhaltene, noch zu Lebzeiten entstandene Bild von Franz von Assisi, Fresko im Kloster Sacro Speco in Subiaco

Karge Quellen

Die wichtigsten Quellen über den heiligen Franz stammen noch aus dem 13. Jahrhundert: Thomas von Celano (1190 - 1260), selbst Franziskaner, schrieb zwei Lebensbetrachtungen über den Ordensgründer. Die „Dreigefährtenlegende“, eine Darstellung, die bis zu drei Wegbegleitern zugeschrieben wird, ist die zweite zeitgenössische, von Decker viel zitierte Quelle. Viel mehr gibt es dann auch nicht mehr an nah an der Lebenszeit Franziskus’ entstandenen Schriften.

Sie vermitteln ein teils hagiografisch geschöntes, zum Teil aber auch recht realistisch wirkendes Bild des Heiligen. Decker arbeitet heraus, wie die zweite Biografie des Thomas von Celano - ein Auftragswerk zur Heiligsprechung von Franz - bereits stark von der ersten abweicht, hin zu einer verklärenden, der Kirche gefälligeren Art.

„Liebe Frau Armut“ und Geld als „Kot“

Der Sohn eines reichen Kaufmanns zog sich nach Kriegserfahrung und Kerkerhaft vom weltlichen Leben zurück. Er suchte nach einem Leben nach dem Vorbild von Jesus, lebte ohne Besitz und teilte das, was er erbettelte oder durch Arbeit verdiente, mit den Armen. Das war auch das Ideal, das er seinen Anhängern vermitteln wollte: Die „liebe Frau Armut“ war ihm, neben Barmherzigkeit gegenüber Schwachen und Armen, das Wichtigste. Geld bezeichnete er als „Kot“, er wollte nichts damit zu tun haben.

Berühmt ist die von Giotto in der Oberkirche von San Francesco in Assisi dargestellte „Erweckungsszene“: Franziskus, der von einer Stimme in die verfallene Kapelle San Damiano gerufen und aufgefordert wird, die Kirche neu zu errichten. Ein weiteres Bild aus dem 28-teiligen Zyklus zeigt Franziskus, der beim Bischof vor seinem erzürnten Vater Zuflucht sucht und diesem sein Gewand überreicht - eine spätadoleszente Geste der Lossagung.

Buchcover "Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben" von Gunnar Decker

Siedler Verlag

Buchhinweis

Gunnar Decker: Franz von Assisi. Der Traum vom einfachen Leben. Siedler Verlag, 432 Seiten, 27,80 Euro.

„Blümlein“ und „Sonnengesang“

Viele „kleine, fromme Geschichten“ wie die von der Predigt zu den Vögeln kursierten bis in die Neuzeit hinein als volkstümliche Erbauungsvignetten, bekannt als „Fioretti“ („Blümlein“ des heiligen Franziskus). Sie können bereits als sehr geschönt betrachtet werden. Von Franziskus selbst sind einige Schriften erhalten, die berühmteste darunter ist sein „Sonnengesang“.

Um einen breiten historischen Hintergrund bemüht, gibt Religionsphilosoph Decker einen Überblick über die religiösen Strömungen des späten Mittelalters: die Katharer, die mit ihrer Verachtung alles Weltlichen das mächtige Papsttum aufstörten, Joachim von Fiore, dessen Theologie der drei Weltreiche (das dritte steht bevor) als Inspiration für spätere Bewegungen bis hin zu Kommunismus und Nationalsozialismus dienen würde.

Abgrenzung zu „Ketzern“

Etwas unterschied Franz von Assisi von den „Ketzern“ des Mittelalters, vor allem von den Katharern in Frankreich, die von der Kirche mit aller Gewalt verfolgt und vernichtet wurden. Er wollte für sich und seine Gefährten Armut und Askese, aber nicht, ohne unter dem Dach der katholischen Kirche zu leben: „Die Kirche ist für Franz, der sehr wohl um den Amtsmissbrauch und die Unmoral in der Institution weiß, nicht der Hort des Antichrist wie für die Katharer ...“ Mit einem Wort, so Decker: Er war kein Fanatiker.

So machte sich Franziskus 1209 mit zwölf seiner Anhänger zu Papst Innozenz III. nach Rom auf, um dessen Erlaubnis und Segen für die neue Gemeinschaft zu erbitten. Ein kluger Schachzug, der den neuen Orden zunächst vor Verfolgung schützte.

Gefährlich schmaler Grat

Denn der Grat zwischen Bettelmönchen, die friedlich predigten, und „gefährlichen“ Ketzern war denkbar schmal. Doch „der Performer Franz war der außergewöhnliche Mann der Stunde“, so der Autor. Neben der Gründung der „Minderen Brüder“ (Franziskaner) war Franz auch an der Entstehung des Klarissenordens beteiligt. Klara von Assisi (1193 – 1253), eine Tochter aus adeligem Haus, gehörte zu den glühendsten Bewunderern von Franziskus.

Franz und seine Brüder erbitten die Bestätigung der Regel: Fresko von Giotto di Bondone, um 1295, Oberkirche San Francesco in Assisi

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Franziskus und seine Brüder erbitten die Bestätigung der Ordensregel: Fresko von Giotto di Bondone, um 1295, Oberkirche San Francesco in Assisi

Eine merkwürdige, doch gut belegte Lebensstation des Franz von Assisi ist seine Reise nach Ägypten. Er schloss sich 1219 dem Kreuzfahrerheer an und traf im muslimischen Lager den Sultan persönlich. Franz’ Versuch, ihn zu bekehren, scheiterte, doch scheinen die beiden das geführt zu haben, was man heute als ein „nettes Gespräch“ bezeichnen würde. Die Kriegsgräuel stießen Franziskus ab, Versuche, Frieden zu vermitteln, scheiterten.

Was nach der Orientreise geschah, lässt sich, so der Autor, heute nicht mehr ganz erklären. Franziskus hörte, dass es innerhalb seiner Bruderschaft Uneinigkeit gäbe. Seine Reaktion verwundert: Statt nach Hause zu reisen, um die Brüder selbst zu fragen, bat er den Papst, ihm einen „Papst“ für seinen Orden zu geben - damit entmachtete er sich selbst. In der Folge wurde die Gemeinschaft der „Minderen Brüder“ zum katholischen Orden - eine „Frischzellenkur“ für die Kirche in der Krise, so Buchautor Decker.

Warten auf die Reliquie

Schwerkrank zog er sich auf einen Berg zurück, auf dem er Stigmata erhalten haben soll: Wundmale an Händen, Füßen und in der Seite, so wie Jesus. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Franziskus zurückgezogen und unter großen Schmerzen. Die Mächtigen hätten nur auf seinen Tod gewartet, so Decker - auch auf die „kostbare Reliquie“, die seine sterblichen Überreste darstellten. In der winzigen Portiuncula-Kapelle, die heute Teil der riesigen Basilika Santa Maria degli Angeli bei Assisi ist, starb Franziskus. Nur zwei Jahre nach seinem Tod wurde er heiliggesprochen.

Franziskaner-Patres gehen an der Portiuncula-Kapelle vorbei

Reuters/Stefano Rellandini

Portiuncula-Kapelle in der Basilika Santa Maria degli Angeli

Danach zerfiel sein Orden in zwei Teile: in die Spiritualen, die seine Lehre strenger Armut weiterleben wollten, und die Konventualen, die sich der Kirche unterordneten. Erstere wurden im Lauf der nächsten Jahrzehnte zum Teil von der Inquisition verfolgt und verbrannt - auch von den eigenen Ordensbrüdern. Ausgerechnet die Nachfolger von Franz von Assisi wurden, neben den Dominikanern, für die Verfolgung von Ketzern zuständig.

Das „sozialrevolutionäre“ (Decker) Potenzial seiner Idee von einer armen Kirche, von Nächstenliebe als höchstem Gebot, konnte sich keine Geltung verschaffen. Verschwunden ist der Einfluss von Franziskus aber nicht: Mit einem Schlag wurde die Welt an den Heiligen aus Umbrien erinnert, als 2013 der neu gewählte Papst seinen Namen annahm. Jorge Mario Bergoglio hätte keinen einfacheren und wirkungsvolleren Weg wählen können, um seine Linie hin zu einer „armen“ und „barmherzigeren Kirche“ zu skizzieren.

Johanna Grillmayer, religion.ORF.at

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