Trauer und Verzweiflung

Orgelspielen ist eine unmittelbare körperliche Erfahrung. Besonders habe ich das gespürt, wenn ich in die Nacht hinein allein in einer Kirche gespielt habe. Das Hineinspielen in diesen Raum war wie ein Abtasten seiner Dimensionen, ich spürte die Weite des Kirchenraums, aber auch die Wände. Und ich war eins mit diesem Raum, wie ich es auf andere Weise nie gewesen bin.

Gedanken für den Tag 28.3.2017 zum Nachhören:

Meine größte Überraschung aber war folgende: Ich litt in jungen Jahren an einer starken Pollenallergie, und wenn im Frühling die Gräser blühten, auf die ich allergisch war, war ich vor Niesattacken nie sicher. In allen möglichen Situationen haben sie mich außer Gefecht gesetzt – nur nie beim Orgelspiel. Alles Mögliche musste ich unterbrechen – nur nie eine Bach-Fuge, die konnte ich immer zu Ende spielen. Ich habe – nur so kann ich mir das erklären – beim Orgelspiel meine Höchstform der Konzentration erreicht, und die hat auch den Körper beherrscht und den Nies-Mechanismus außer Kraft gesetzt. So gerne wäre ich den ganzen Tag in dieser Konzentration verblieben, aber Orgelspielen ist anstrengend, ich musste Pause machen – und nieste wieder.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Abschied

Am stärksten und bedrückendsten habe ich meinen Körper gespürt, als ich vor Jahrzehnten, noch als Student, in der Morzger Kirche in Salzburg bei einem Begräbnisgottesdienst die Orgel spielte. Ein siebzehnjähriger Schüler war ums Leben gekommen, und das „Ave verum“ von Mozart war sein Lieblingsstück. Also habe ich zur Kommunion das „Ave verum“ gespielt – für ihn und für alle, die sich von ihm verabschieden mussten: seine geschiedenen Eltern, seine Freunde und Mitschüler.

Und im Spielen habe ich sie alle gespürt, ihr Gewicht, wie sie sich hineinhängen mit ihrer Trauer und Verzweiflung in dieses Stück, es war, als würden sie mich in den Abgrund ziehen, ich musste mich festhalten an den Tasten, musste mich zwingen zum Weiteratmen und mit aller Kraft den Rhythmus halten, es war, als müsste ich allein ein schweres Fuhrwerk ziehen, während die ganze Kirche in die Gegenrichtung zog, doch ich durfte nicht langsamer werden, nicht anhalten, das kurze Stück zog sich endlos in die Länge, aber ich musste es zu Ende bringen. Ich war wortlos verstört, als ich endlich am Schluss dieses „Ave verum“ angekommen war, und nie mehr danach habe ich es gespielt, der Schreck sitzt mir noch in den Gliedern. Und die Verbundenheit mit den Menschen, die ihren Schmerz in dieses „Ave verum“ hineingelegt haben, auch.

Musik:

Martin Haselböck/Orgel: „Ave verum“ von Wolfgang Amadeus Mozart, bearbeitet von Franz Liszt
Label: Koch Schwann Musica Mundi 317 003 F1