Der Bischofsstuhl

Auf Reisen und Auslandsaufenthalten halte ich immer Ausschau, ob es nicht ein Orgelkonzert gibt, und oft habe ich Glück gehabt und eine besondere Orgel oder einen besonderen Interpreten gehört.

Gedanken für den Tag 30.3.2017 zum Nachhören:

Am meisten von allen ist mir ein Orgelkonzert in Notre Dame in Paris in Erinnerung. Die große Kirche war schon vor dem abendlichen Konzert so voll, dass es keinen Sitzplatz mehr gab. Ich war damals noch ziemlich jung, Student in den ersten Jahren, und provozierte gerne.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Wir waren im Altarraum, der auch für die Konzertbesucher geöffnet war, und ich dachte: Es kann doch nicht sein, dass ich mir ein Konzert lang die Füße in den Bauch stehe, während der große Stuhl das Bischofs feierlich leer steht. So habe ich mich, in Jeans und einem grünen Parker, frisch-fröhlich in diesen Stuhl gesetzt. Nach einiger Zeit kam ein Priester auf mich zu und sagte mir ganz liebenswürdig: Er verstehe, dass ich sitzen wolle und hätte gar nichts dagegen, dass ich hier sitze, aber es gäbe wohl Leute, die daran Anstoß nähmen, so bitte er mich, mich woanders hinzusetzen, ich und wir alle könnten gerne auf den Altarsstufen Platz nehmen.

Unverwechselbarer Tanz

Ich konnte also meine Provokation nicht genießen, sie war ins Leere gegangen. Hätte er sich geärgert, wäre ich zufrieden gewesen und hätte es genossen. Doch so war ich durch die zuvorkommende Behandlung durch diesen Priester beschämt. Das hat mir noch während des halben Konzerts zu denken gegeben. Während des halben – denn dann kam ein Stück, das mir ganz und gar unvergesslich ist.

An diesem Abend spielte einer der bedeutendsten Organisten des 20. Jahrhunderts: Pierre Cochereau, der Organist von Notre Dame. Der musikalische Hausherr führte eine Eigenkomposition auf: einen Bolero für Schlagzeug und Orgel. Das Schlagzeug entfesselte den Tanzrhythmus des Boleros, die Orgel griff ihn auf und gab ihm Melodien. Höchstens bei Olivier Messiaen habe ich noch so sinnliche, ja orgiastische Klänge einer Orgel gehört wie an jenem Abend. Nein, eine Orgel muss nicht steril-feierlich klingen und ist nicht auf herkömmliche Liturgien festgelegt; sie kann in einen Tanz einstimmen, der ganz unverwechselbar ist.

Musik:

„Boléro Improvisé pour orgue et percussions sur un thème de Charles Racquet“ von Pierre Cochereau
Label: Solstice SOCD237