Orgelspielen - ein Abenteuer

Orgelspielen ist ein Abenteuer – und man kann sich dabei auch blamieren.

Gedanken für den Tag 1.4.2017 zum Nachhören:

Vor Jahrzehnten sollte ich in der St. Blasius-Kirche in Salzburg die Osternacht spielen. Effektvoll wollte ich ein Oster-Halleluja einspielen, und das mit einem Register, das den Klang einer Posaune hat. In der Karwoche, wo sich oft stille Beter in der Kirche einfanden, wollte ich dieses Register nicht ausprobieren – ein schwerer Fehler. Denn als ich es in der Osternacht spielte, war es entsetzlich verstimmt; es klang wie eine schlechte Autohupe.

Osterlachen

Gelächter ging durch die Kirche, der Priester lachte, dass das Messkleid zitterte, die Kantorin musste so sehr lachen, dass sie das Halleluja gar nicht anstimmen konnte. So habe ich vielleicht unfreiwillig die alte Tradition des Osterlachens wiederbelebt, aber mir selbst war gar nicht zum Lachen zumute. Nach der Messe wartete ich auf der Orgelempore, bis der letzte Mensch die Kirche verlassen hatte, und schlich mich erst hinaus, als der Mesner die Kirchentür zusperrte. Und ich hatte begriffen: Wenn man Musik macht, setzt man sich aus, und Fehler kann man nicht mehr zurücknehmen wie einen Versprecher.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Ein anderes Mal habe ich mich vermutlich nur vor mir selbst blamiert. Ich hatte gedacht, ich könne die intensive Körpererfahrung des Orgelspielens noch intensivieren, wenn ich einmal in etwas betrunkenem Zustand spielte. Doch das war ein Trugschluss. Ich versank nämlich in den Musikstücken wie in einem Teig, der Rhythmus war gleichsam eingebrochen, ich spürte ihn nicht mehr. Und so hatte alles seinen Reiz verloren. Und vor allem hatte ich die fragile Balance zwischen scharfem Bewusstsein und klarem Wollen und einem Horchen, einem Versinken in Klängen, die auf einen zukommen, durch den Alkohol nachhaltig gestört. Doch ohne diese Balance spielt man nicht gut.

Und man schreibt auch nicht gut. Unter Alkoholeinfluss kommen mir vielleicht einige Ideen, aber ich höre die Sätze nicht mehr. Und dann ist es mit dem Schreiben aus und vorbei. Ohne die Erfahrung des Wach-Seins, mit der jeder Tag beginnt, und ohne die nüchterne Wahrnehmung ist nichts zu haben, was zählt.

Musik:

Peter Planyavsky/Orgel: „Tanz-Toccata für Orgel“ von Anton Heiller
Label: W.A.R. Records 940862