Umgang mit Zeit und Gedächtnis

Warum haben Menschen immer weniger Zeit? Zwischen der Ungeduld, die eigenen Ziele zu erreichen, und dem Burnout wird die Zeitspanne immer kürzer. Und zwischen diesen Polen zerrinnt das Leben, in dem keine Zeit für Freundschaften, Familie, Erholung, Nichtstun mehr bleibt, man kommt, wie es heißt, zu rein gar nichts mehr.

Gedanken für den Tag 3.4.2017 zum Nachhören:

Und trotzdem wird angeblich in allen Sparten zu wenig oder immer weniger geleistet, was viele zu dem ungeduldigen Ruf verführt „dass endlich was weitergehen soll“. Mir scheint, dass diese Forderung zu viele Unbekannte enthält. Was soll weitergehen und wohin soll es denn gehen? Das wird selten präzisiert und so bleibt ein drohender Beigeschmack, zumindest für jene, die meinen, dass die Situation so unerträglich gar nicht sei.

Anna Mitgutsch
ist Schriftstellerin

Gedankenlose Beschleunigung

Könnte es sein, dass dieses Unbehagen ein Produkt des Kontrollverlusts durch die ständig zunehmende Beschleunigung ist und daher das Allheilmittel Fortschritt als beste Lösung erscheint? Vielleicht sollte man statt des manischen Vorwärtsstürmens ein wenig zurückblicken, ob es in der Geschichte ähnliche Situationen schon einmal gab und was man aus ihnen lernen könnte? Auch das Zurasen auf einen Abgrund kann als beschleunigte Vorwärtsbewegung, bei der „etwas weitergeht“, definiert werden.

Vor der Gefahr der Beschleunigung hat bereits Goethe in seinen Gesprächen mit Eckermann gewarnt. Er bezeichnet die „Velozifizierung“ als das größte Unheil seiner Zeit, weil sie nichts reifen lässt. In gedankenloser Beschleunigung steckt etwas Menschenfeindliches. Sie raubt dem Menschen seine Vergangenheit, sie lässt ihm keine Zeit, sich selbst als denkendes, moralisch verantwortliches Individuum zu erleben.

Musik:

Artis Quartett Wien: „Menuetto un poco Allegro - 2. Satz“ aus: Streichquartett op. 44 Nr. 1 in D-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: Accord 200682