Erinnerungskultur

Wer mit der Vergangenheit nicht vertraut ist, kann keine Diagnose der Gegenwart und keine Prognose der Zukunft stellen. Wir haben zwar eine beachtliche museale Erinnerungskultur des Aufbewahrens und Konservierens, aber mit der Erinnerungskultur als Lebendighalten der Vergangenheit hatte unsere Gesellschaft immer schon Schwierigkeiten.

Gedanken für den Tag 7.4.2017 zum Nachhören:

Zwischen musealem Bewahren und Vergegenwärtigen der Vergangenheit besteht jedoch ein Unterschied. Den historischen Relikten treten wir mit einer Art voyeuristischem Interesse gegenüber, sie enthalten keinen Imperativ für die Gegenwart, während Erinnern als Vergegenwärtigen durch die gefühlsmäßige Beteiligung zum integralen Bestandteil der Gegenwart wird. Wir leben schließlich nicht nur vom Fortschritt, sondern auch von einer weit zurückreichenden Kulturgeschichte. Wenn die Geschichte im kollektiven Gedächtnis lebendig bleibt, kann sie geistige Haltungen und aktuelles Handeln beeinflussen. Identität ohne Erinnerung und Teilhabe am Gedächtnis der Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, ist gar nicht vorstellbar.

Anna Mitgutsch
ist Schriftstellerin

In wenigen Tagen feiern wir Juden Pessach. Auch Pessach ist ein Fest des Erinnerns, so wie viele andere Feste im jüdischen Kalender. Oft ist es die Errettung aus Bedrohung von Leben und Bestand, derer wir gedenken. Zu Pessach erinnern wir uns an die Befreiung aus der Sklaverei und an den Auszug aus Ägypten. Das durch eine festgelegte Ordnung vorgeschriebene Sedermahl ist die Vergegenwärtigung dieser Befreiung, denn es heißt, erinnern sollt ihr euch, als sei es euch geschehen. Die Aufforderung, sich zu erinnern ist ein religiöser Imperativ und die Ritualisierung tut der Freude an der Gegenwart keinen Abbruch.

Musik:

Murray Perahia/Klavier: „Rondo capriccioso für Klavier in E-Dur op. 14“ von Felix Mendelssohn Bartholdy
Label: CBS MK42401