Provokationen in der Passionszeit

In dieser Woche denken Christinnen und Christen an die letzten Tage im Leben Jesu, an Kreuz und Auferstehung. Es scheint so, als müssten die Dinge ihren Lauf nehmen, als wäre das alles ganz normal. Wie kann ich diese seltsam anmutende Geschichte neu hören und verstehen, wie kann mich beunruhigen oder gar aufwühlen, was schon über Jahrhunderte überliefert ist?

Gedanken für den Tag 10.4.2017 zum Nachhören:

Vielleicht durch verstörende Bilder und Worte, die auch widersprüchlich sind, nicht zusammenpassen wollen, so wie das Leben der Menschen voll Ungereimtheiten und Gegensätzen ist. Der Schweizer Dichter Ernst Eggimann drückt es so aus:

jesus
angenagelt
an die ewigkeit
senkrechte projektionen
zerreiß dein bild
komm

Wenn einer den Gekreuzigten vor sich hat, ob in einem Kruzifix oder nur in Gedanken, so ist es wahrscheinlich der Angenagelte. So ist Jesus tausende Male abgebildet worden durch die Jahrhunderte, je nach Tradition und Kultur, muskulös oder schmächtig, als Afrikaner, Indio oder Europäer. So hängt er in Kirchen und Kapellen, an Weggabelungen und auf Berggipfeln. Das beunruhigt nicht wirklich. Das musste ja so sein. Menschen machen sich Bilder und können gar nicht anders, aber ein Bild kann immer nur eine Momentaufnahme sein und nie die ganze Wirklichkeit beinhalten.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Die Reformatoren in Zürich, Genf und anderen Städten der Reformation haben die Bilder aus den Kirchen verbannt, weil sie ihrer Überzeugung nach das Wort Gottes verdecken. Wenn Menschen fixiert sind auf ein Bild, können sie wie vernagelt sein und nichts mehr anderes sehen oder denken. Dann bleiben nur noch Projektionen. Dann wird es Zeit, die eigenen Bilder zu zerreißen, wie der Dichter Ernst Eggimann schreibt und der Wirklichkeit ins Auge zu blicken. Sonst wiederholt sich immer das Gleiche und es kommen keine neuen Gedanken.

Buchhinweis:

„Wege nach Golgatha - Biblische Texte verfremdet 10“, Verlag Calwer-Kösel

Musik:

Vladimir Ashkenazy/Klavier, Itzhak Perlman/Violine und Lynn Harrell/Violoncello: „Variation VII“ aus: 14 Variationen für Klavier, Violine und Violoncello in Es-Dur op. 44 von Ludwig van Beethoven
Label: EMI 7474572