Menschenopfer

„Seit er meinen Bruder kreuzigen ließ, um sich mit mir zu versöhnen, weiß ich, was ich von meinem Vater zu halten habe.“

Gedanken für den Tag 13.4.2017 zum Nachhören:

Dieses Zitat des Dichters, Religionskritikers und Freidenkers Theodor Weißenborn bringt es auf den Punkt. Das muss mir einer erst erklären. Der Vater tötet seinen Sohn, um sich mit mir zu versöhnen.

Gegen einen blutrünstigen Gott

Da ist es schon nachvollziehbar, dass viele Menschen den christlichen Glauben für eine Spinnerei halten. Was für ein Schauspiel mit einem sadistischen Vater und einem masochistischen Sohn. Da braucht es wirklich ein ganzes theologisches Gebäude, um dieses Geschehen einem anderen verständlich zu machen. Da ist es kein Wunder, dass manche Religionswissenschaftler vom Christentum als von einer gewalttätigen Religion sprechen. Ein Schauspiel am Kreuz mit verheerenden Folgen. Denn, der Akt, der aller Gewalt ein Ende setzen wollte, hatte eine Orgie, ja eine Epidemie von Gewalttaten, ausgelöst.

Thomas Hennefeld
ist Landessuperintendent der evangelisch-reformierten Kirche in Österreich

Die Menschen haben die falschen Schlüsse gezogen: Anstatt für Versöhnung und Aussöhnung zu arbeiten, haben sie in der Liebestat Gottes einen Freibrief gesehen, selbst im Namen Gottes hemmungslose Gewalt auszuüben. Das Kreuzesgeschehen soll niemals selbstverständlich sein, sonst werden es auch rasch die Kreuze, die für andere immer wieder von neuem aufgerichtet werden, sonst wird das eine Opfer unzählige weitere Opfer fordern.

Der Freidenker Weißenborn will sich nicht abfinden mit dem Menschenopfer. Lieber solidarisiert er sich mit seinem Bruder auf Erden und stellt sich gegen einen vermeintlich blutrünstigen Gott. Das Kreuzesgeschehen soll verstören bevor Menschen vielleicht einen höheren Sinn darin erkennen, um selbst ihr Leben zu ändern und sich auf Jesu Spuren der Liebe, Hingabe und Versöhnung begeben.

Buchhinweis:

„Wege nach Golgatha - Biblische Texte verfremdet 10“, Verlag Calwer-Kösel

Musik:

The Purcell Quartet: „Largo - 3. Satz“ aus: Sonate op. 1 Nr. 8 in c-moll für 2 Violinen, Cello, Theorbe u. Orgel aus „Sonate da chiesa op. 1“ von Arcangelo Corelli
Label: Chandos Chan 0515