Österreich-Dorf in Armenien

Im Dezember 1988 wurde der Nordwesten Armeniens von einem schweren Erdbeben erschüttert. 25.000 Menschen kamen dabei ums Leben, zahlreiche Dörfer und auch Gjumri, damals die zweitgrößte Stadt des Landes, waren in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, mehr als eine halbe Million Menschen wurde obdachlos.

Gedanken für den Tag 2.6.2017 zum Nachhören:

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Es war eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Österreichische Institutionen zeigten damals viel humanitäres Engagement, das bis heute nachwirkt: So etwa gibt es in Gjumri ein „Österreich-Dorf“ und ein „Österreichisches Kinderspital“.

Barbara Denscher
ist Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Ihr Buch „Im Schatten des Ararat. Reportage Armenien“ ist im Picus-Verlag erschienen.

Pilgerschaft für die Kunst

Im Zuge der damaligen Aufbautätigkeit kam es auch zu einer bemerkenswerten kulturellen Initiative. Der Komponist und Dirigent Loris Tjeknavorian rief zu einer Pilgerschaft für die Kunst auf. Zu Fuß gingen er und seine Freunde von der Hauptstadt Jerewan nach Gjumri, um Geld für die Einrichtung einer Kunstakademie zu sammeln. Die Wanderroute ging kreuz und quer durchs Land, um so möglichst viele Menschen zu erreichen – und dies gelang in einem Ausmaß, wie es niemand erwartet hatte. Tausende Menschen begleiteten zumindest streckenweise die Kunst-Pilger, noch mehr spendeten für die Kunstakademie. Als die Pilger nach neun Tagen Gjumri erreicht hatten, war auch ihr ideelles Ziel erreicht.

Vorbild für die Aktion war übrigens Wien gewesen. Loris Tjeknavorian, der in Österreich Musik studiert hatte, wies während der Pilgerschaft immer wieder darauf hin, dass man in Wien nach dem Zweiten Weltkrieg trotz materieller Not sehr früh damit begonnen hatte, die zerstörte Staatsoper wieder aufzubauen.

Die Kunstakademie von Gjumri ist seit der erfolgreichen Aktion, um die auch die Politik nicht herumkam, in einem der attraktivsten Gebäude der Stadt, nämlich in der ehemaligen kommunistischen Parteizentrale, untergebracht. Heutzutage gibt es dort eine musikalische wie auch eine bildnerische Ausbildung mit Absolventinnen und Absolventen, die auch international erfolgreich sind.

Für die Menschen in der vom Erdbeben verwüsteten Stadt war gerade diese Initiative ein Zeichen der Hoffnung und des Lebensmutes. Sie zeigte, dass Kunst nicht einfach eine Verzierung des Alltags darstellt, der man sich widmen kann, wenn alle anderen materiellen Bedürfnisse abgedeckt sind – sondern dass die Kunst selbst eine menschliche Lebensnotwendigkeit darstellt.

Musik:

Djivan Gasparyan & Ensemble: „Armenian Romances: Housher (Memories)"
Label: Network Medien GmbH LC6759