Mehr als Ich

Die Selbsttranszendenz ist eine ganz neue Entdeckung in der Psychologie. Dieses Wort kommt aus dem Lateinischen „transcendere“ und das heißt eben “übersteigen“. In der Philosophie kennen wir die Transzendentalien: das Gute, das Wahre, das Schöne. Das ist eben etwas, was noch gut, wahr und schön bleibt, selbst wenn es mich selbst nicht mehr gibt.

Gedanken für den Tag 13.6.2017 zum Nachhören:

Der Begriff Selbsttranszendenz kommt eigentlich von Viktor Frankl, der Selbsttranszendenz definiert hat als den „grundlegenden anthropologischen Tatbestand, dass Menschsein immer über sich selbst hinaus auf etwas verweist, das nicht wieder es selber ist, auf etwas oder auf jemanden, auf einen Sinn. Und nur in dem Maß, in dem der Mensch solcherart sich selbst transzendiert, verwirklicht er auch sich selbst im Dienst an einer Sache. Ganz er selbst wird er, wo er sich selbst übersieht und vergisst.“

Raphael Bonelli
ist Psychiater, Neurologe und Autor. Sein jüngstes Buch „Männlicher Narzissmus“ ist im Kösel-Verlag erschienen.

Gefangenschaft in sich selbst

Viktor Frankl sagt hier ganz deutlich Dinge, die die damalige Mainstream-Psychologie eigentlich gegen den Strich kämmen und zwar: Er spricht vom Dienst. Der selbsttranszendierende Mensch, der eben vom Boden aufblickt auf höhere Sphären, ist eben fähig, sich der großen Sache anzuvertrauen, indem er ihr dient. Dieses wunderschöne Wort, dass der Dienst, das Anerkennen von etwas Größerem und sich in den Dienst stellen, für die psychische Gesundheit ganz, ganz wichtig ist.

Das Gegenteil davon ist Selbstimmanenz, die Gefangenschaft in sich selbst, das Nicht-Weiterkommen, das Sich-Einschotten und das Nicht-mehr-Erkennen des Gegenübers und des Höheren.

Musik:

Academy of St. Martin in the Fields unter der Leitung von Sir Neville Marriner: Zwischenaktmusik Nr. 3 in B-Dur aus der Musik zu dem Schauspiel „Rosamunde“ von Helmina von Chezy DV 797 von Franz Schubert
Label: EMI 7470272