Anerkennung von etwas Höherem

Die Selbsttranszendenz ist Teil der psychischen Gesundheit. Psychisch gesund ist derjenige, der sich relativieren kann, der sich von sich selbst auch distanziert, der seine Aufmerksamkeit auf etwas lenkt, was größer ist als er selbst.

Gedanken für den Tag 17.6.2017 zum Nachhören:

Und diese Selbsttranszendenz hat auch die Dimension des Staunens, das Staunen vor dem Großen, zum Beispiel vor einem Sonnenaufgang, vor der Schöpfung, vor irgendetwas wirklich Beeindruckendem, was schon immer da war und was es nach mir auch noch geben wird.

Und dieses Staunen, zum Beispiel auf dem Gipfel eines Berges, impliziert auch eine gewisse Demut. Die Demut wird ja von der Psychologie auch neu entdeckt. Demut ist ja nicht eine Unterwürfigkeit, die gegen die eigene Person gerichtet ist, sondern Demut ist nach Josef Pieper ein Sich selbst so sehen, wie es der Wirklichkeit entspricht.

Raphael Bonelli
ist Psychiater, Neurologe und Autor. Sein jüngstes Buch „Männlicher Narzissmus“ ist im Kösel-Verlag erschienen.

Narzisstisches Zeitalter

Diese Fähigkeit, sich richtig einzuschätzen ist eigentlich das Endziel jeglicher Psychotherapie, weil dann kann man nicht gekränkt werden, dann kann man eigentlich auch nicht durcheinander gebracht werden, dann steht man stabil in sich, ruht in sich, weil man sich so sieht, wie man ist. Und dazu braucht man eben einen Bezug außerhalb seiner selbst und das ist dieses Große, auf das die Selbsttranszendenz verweist.

Das Gegenteil davon nennt man in allen Kulturen den Hochmut. Der Hochmut ist: sich selbst zu Gott machen. Und es ist beeindruckend, wie alle Weltreligionen, aber wirklich ALLE Weltreligionen, den Hochmut und den Stolz als das gröbste Übel erkennen, das dem Menschen passieren kann, weil er eben dann diese Dimension des Höheren, diese Selbsttranszendenz nicht mehr aufbringt.

Umso schlimmer ist es, wenn wir merken, dass in der heutigen Zeit von vielen Autoren das narzisstische Zeitalter eingeleitet wird. Narzissmus ist eben eine Gefangenschaft in sich selbst ohne die Anerkennung von etwas Höherem.

Musik:

Howard Shelley/Klavier: „Menuett - 2. Satz“ aus „L’Arlesienne“ op. 23, Suite für Orchester Nr. 1 von Georges Bizet, Bearbeitung für Klavier von Sergej Rachmaninoff
Label: Hyperion CDA 66486