„Der Schimmelreiter“

Zum 200. Geburtstag von Theodor Storm: Man muss unbedingt den „Schimmelreiter“ lesen, meinte unser Deutschprofessor, als wir in der Schule Theodor Storm lasen.

Gedanken für den Tag 16.9.2017 zum Nachhören:

Erst jetzt bin ich seiner dringenden Empfehlung gefolgt. Wie oft bei Storm wird in dieser seiner letzten Novelle erzählt, wie eine alte Geschichte erzählt wird. Die doppelte Brechung der Ereignisse ermöglicht mehrere Sichtweisen. Der Schulmeister schildert den Deichgrafen Hauke Haien, den der Aberglaube als Spukgestalt umgehen sieht, als einen Kämpfer gegen den Aberglauben.

Es geht in der Novelle um das Projekt, dem Meer durch einen Deichbau neues Land abzutrotzen. Das soll auch ein Triumpf der technischen Vernunft über die Natur sein. Doch das Projekt scheitert am Schluss, weil Hauke Haien in einem entscheidenden Augenblick seiner eigenen Analyse nicht folgt.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

Zugleich ist „Der Schimmelreiter“ eine tragische Liebesgeschichte. Der kluge Hauke Haien, der aus kleinen Verhältnissen stammt, verliebt sich in Elke, die Tochter des Deichgrafen. Durch die Heirat mit ihr wird er selbst Deichgraf. Doch weil er sich nie mit dem Erreichten zufrieden gibt, versinkt diese Liebe in Alltag und gemeinsamer Arbeit. Und am Ende gehen Frau und Kind in den Fluten unter. Die Macht der Liebe ist ebenso fragil wie die Macht der Technik.

Aber auch die Allmacht Gottes gerät für Hauke Haien ins Wanken, als seine Frau am Kindbettfieber zu sterben droht. In einem leidenschaftlichen Gebet spricht er zu Gott: „Ich weiß ja wohl, Du kannst nicht allezeit, wie Du willst, auch Du nicht; Du bist allweise; Du musst nach Deiner Weisheit tun – o Herr, sprich nur durch einen Hauch zu mir!“

Fortan gilt Hauke Haien als Gottesleugner, der einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat und darum nach seinem Tod keine Ruhe findet. Mich fasziniert der Kommentar des Schulmeisters: „Dem Sokrates gaben sie Gift zu trinken und unseren Herrn Jesus Christus schlugen sie ans Kreuz! Das geht in den letzten Zeiten nicht mehr so leicht; aber – einen Gewaltsmenschen oder einen stiernackigen Pfaffen zum Heiligen oder einen tüchtigen Kerl, nur weil er uns um Kopfeslänge überwachsen war, zum Spuk und Nachtgespenst zu machen – das geht noch alle Tage.“

Literaturhinweise:

  • Theodor Storm, „Pole Poppenspäler“, Reclam Verlag 2002
  • Theodor Storm, „Der Schimmelreiter“, herausgegeben, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Philipp Theison, Alfred Kröner Verlag 2016
  • Theodor Storm, „Zur Chronik von Grieshuus“, herausgegeben und mit einem Nachwort und einem Glossar von Jochen Missfeldt, C. H. Beck Verlag 2013
  • Theodor Storm, „Gedichte. Auswahl“, herausgegeben von Gunter Grimm, Reclam Verlag 2012
  • Theodor Storm, „Immensee und andere Novellen“, Reclam Verlag 2002
  • Jochen Missfeldt, „Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert“, Carl Hanser Verlag, 3. Auflage 2013

Musik:

Anna Barbara Dütschler (Viola) & Marc Pantillon (Klavier): „Hebräische Melodien für Viola und Klavier Opus 9“ von Joseph Joachim
Label: Claves Records CD 509905