Revolten aus dem Sternenhimmel

Die Revolution ist nicht auf dem Schlachtfeld, in den Straßen von Paris 1789 und schon gar nicht von Lenin oder Trotzki erfunden worden. Vergessen wir das einmal. Stellen wir uns einen Mann hinter einem Fernrohr vor, der den Sternenhimmel Nacht für Nacht beobachtet, alles genau in Karten und Tabellen einträgt und darüber nachsinnt. So ungefähr sieht unser erster Revolutionär aus.

Gedanken für den Tag 14.11.2017 zum Nachhören:

Er war nie bei einer Demo, geschweige denn bei einem echten Aufstand. Er hätte Robespierre und Lenin vermutlich sogar verachtet. Aber was dieser Nikolaus Kopernikus im frühen 16. Jahrhundert am Himmel entdeckte, war tatsächlich revolutionärer als alles, was in politischen Revolutionen zu geschehen pflegt.

Wende im Mikrokosmos

Er erkannte, dass die Welt sich um die Sonne dreht, nicht umgekehrt. Die Umlaufbahnen der Planeten nannte er Revolutionen, übersetzt: Um–Drehungen, ewige Umdrehungen. Er katapultierte damit den Menschen mit einem astronomischen Fußtritt aus der selbstverliebten biblischen Fantasie.

Oliver Tanzer
ist stellvertretender Chefredakteur der Wochenzeitung „Die Furche“

Was für eine Entdeckung! Jahrhunderte alte Traditionen, gehegt und überliefert, gepredigt und geglaubt, waren plötzlich obsolet. Der Mensch nicht die Mitte des Universums, geliebt und umsorgt von dem einen und einzigen ebenbildlichen Gott, sondern ein Wesen, nackt und allein, auf einem kleinen Planeten in einem Sonnensystem unter vielen Sonnensystemen. Was für eine Kränkung!

Kopernikus erklärte den Irrtum der vorhergegangenen Jahrhunderte mit der Beobachtung einer alltäglichen Illusion: „Das Auge“, schreibt Kopernikus, „hält sich überall für den Mittelpunkt des ringsum Sichtbaren.“ Dieser Satz gilt weit über die Astronomie hinaus. Er enthält die Formel unseres egozentrischen Weltbildes. Die Welt ist gleich: Ich plus meine Wirklichkeitsverzerrung. Eine ethische und - wenn man in die Zukunft sieht - eine äußerst nachhaltige Täuschung im schlechtesten Sinn.

Die eigentliche Revolution begänne also dort, wo der Mensch versucht, die Welt einmal nicht mit eigenen, sondern mit den Augen der anderen zu betrachten. Sozialdebatten mit den Augen der Schwachen. Integrationsdebatten mit den Augen derer, die hier ankommen wollen. Klimapolitik aus der Sicht unserer Enkelkinder. Frauenrechtsdebatten aus dem Blickwinkel der Frauen. Der Mensch würde eine neue zusätzliche Perspektive gewinnen. Gleichsam eine Dritte Dimension gesellschaftlicher Wahrnehmung und mit Sicherheit: eine Kopernikanische Wende im Mikrokosmos.

Musik:

Rundfunk Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Michail Jurowski: „WALZER“ aus der Suite „TRILOGIE ZU MAXIM“ - Filmtrilogie über den Arbeitersohn Maxim in der russischen Revolution von Dimitri Schostakowitsch
Label: Capriccio 10822