Gedächtnis und Generationserfahrung

Was ist der Zusammenhang zwischen Gedächtnis und Generationserfahrung? Wenn wir uns diese Frage stellen, gehen wir ganz selbstverständlich davon aus, dass unser Wissen um die Vergangenheit gesellschaftlich geprägt ist, und dass es sich verändert – jede Generation stellt neue Fragen an die Geschichte.

Gedanken für den Tag 8.1.2018 zum Nachhören:

Was uns aber kaum bewusst ist: Wir bewegen uns mit dieser Frage in einem Denkmodell, das erst Ende der 1980er Jahre entwickelt wurde. Der Begriff „Gedächtnis“, wie wir ihn heute verwenden, die Geburtsstunde des neuen Zauberworts, lässt sich exakt datieren: Aleida und Jan Assmann haben 1988 eine Theorie des kulturellen Gedächtnisses im renommierten Suhrkamp-Verlag publiziert. Binnen kurzer Zeit hat der neue Begriff „Gedächtnis“ dann Karriere gemacht und umgehend Eingang in den Sprachgebrauch gefunden – etwa wenn von Gedächtniskultur oder Gedächtnisorten die Rede ist.

Heidemarie Uhl
ist Historikerin

Eine neue Erinnerungskultur

Gerade deswegen ist die Radikalität, mit der das Konzept Gedächtnis seit dem Ende der 1980er Jahre unsere Vorstellungen über Vergangenheit und Gegenwart verändert hat, kaum noch zu erahnen. Die Frage, was zuerst da war, die Henne oder das Ei, lässt sich auch auf dieses Phänomen beziehen: Ist die wissenschaftliche Gedächtnis-Theorie ein Ergebnis neuer Erinnerungsbedürfnisse im ausgehenden 20. Jahrhundert? Oder haben sich erst unter dem Fahnenwort Gedächtnis die gesellschaftlichen Bewegungen der „Generation of Memory“, der Generation Gedächtnis formiert?

Es geht also um die faszinierende Frage – zumindest für HistorikerInnen ist das DIE Frage schlechthin: Wie entsteht das Neue, wie formieren sich die sozialen Energien und Kräftefelder, die kulturellen und gesellschaftlichen Wandel vorantreiben? Und ganz konkret geht es um die Frage: Warum engagiert sich eine ganze Generation am Ende des 20. Jahrhunderts für eine neue Erinnerungskultur?

Musik:

Rundfunk Symphonieorchester Berlin unter der Leitung von Heinz Rögner: „Capriccio über jüdische Volkslieder“ - 2. Satz aus: „Suite Nr. 2 op. 24“ von Hanns Eisler, aus dem Film „Niemandsland“
Label: Berlin Classics 0092282 BC