Mein Ägypten im Ramadan

Ich bin in Wien geboren. Meine Eltern in Kairo. Mindestens einmal im Jahr sind wir in Ägypten. In Ägypten ist der Rest der Familie, Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Es ist mein zweites Zuhause.

Gedanken für den Tag 4.6.2018 zum Nachhören:

Aber auch mein Zuhause in Wien ist sehr ägyptisch angehaucht. Vielleicht sind es unsere Urlaubsfotos vor den Pyramiden oder die Gemälde, die den historischen Markt Khan El Khalili zeigen. Alles Bilder, die mich prägen. Besonders im muslimischen Fastenmonat Ramadan, einer Zeit der Besinnung und der Festlichkeit, ist zu Hause viel Ägypten zu spüren. Weil es ein Monat ist, in dem viele Traditionen gelebt werden. Wie die alten Ramadanlieder, die meine Eltern schon als Kinder gehört haben. „Ahlan Ramadan, Ramadan Gana-Ramadaaan Gana“ - Es ist ein Lied, das den Ramadan begrüßt und kurz vor Ramadan überall aus den Lautsprechern ertönt.

Nermin Ismail
ist Journalistin

Die Ruhe, nach der sich alle sehnen

Voriges Jahr waren wir tatsächlich das erste Mal im Ramadan in Ägypten. Wir wollten diesen Monat unbedingt einmal mit der Familie verbringen. Wir waren alle sehr aufgeregt, das erste Mal Ramadan in Ägypten. Wird es so sein, wie wir immer schon davon gehört haben? Gehen die Kinder dann wirklich singend durch die Gassen? Ich kann mich noch sehr gut erinnern, an diesen ersten Ramadan in Ägypten. Wir waren eine Nacht vor Ramadan draußen unterwegs und es lag eine ganz besondere Stimmung in der Luft. Eine unglaubliche Vorfreude. Überall hingen Lichterketten. Es waren gefühlt alle Menschen auf der Straße, um die letzten Einkäufe zu erledigen. Schließlich will man sich im Ramadan auf das Wesentliche besinnen und muss seine Kraft gut managen.

Wir standen an einem Laden und wollten die Zutaten für Choschaf kaufen. Es ist das erste, was man abends zu sich nimmt, nach den vielen Stunden fasten. Es besteht aus Wasser oder Milch, dazu getrocknete Datteln, Aprikosen, Zwetschken, Rosinen und Nüsse. Während wir dastehen und mein Vater die Bestellungen macht, beobachte ich die Menschen auf der Straße. Handys läuten, Menschen rufen sich gegenseitig an und gratulieren einander zum gesegneten Monat. Wenn alle Einkäufe erledigt sind, die Wohnung auf Vordermann gebracht wurde, widmet man sich in der ersten Nacht des Ramadan - denn Ramadan fängt schon zu Sonnenuntergang an - dem Koran. Viele Menschen nehmen sich vor, im Ramadan den Koran einmal zur Gänze zu lesen. Aus den alten Radiogeräten ertönt die Rezitation eines bekannten Koranrezitators. Alle lauschen. Wenn die Geschäfte schließen, herrscht eine ungewöhnliche Ruhe. Die Ruhe, nach der sich die Menschen das ganze Jahr sehnen.

Musik:

„Salati“ von P. Guez
Label: BPM 2002