Ein moderner Märtyrer: Miguel de Unamuno

Von Miguel Unamuno, einem der ganz großen spanischen Denker und Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist folgende Szene überliefert: Am 12. Oktober 1936 leitete Unamuno, als Rektor schon ein Gefangener Francos, einen Festakt. Neben ihm sitzt Francos Frau Carmen Polo. Unamuno verkündet plötzlich den unerschrockenen Satz: „Vencer no es convencer“: Siegen ist nicht überzeugen.

Gedanken für den Tag 21.6.2018 zum Nachhören:

Mit seiner Geschichte von „San Manuel Bueno, Märtyrer“ hat er, scheinbar mit leichter Hand, eine Skizze zum Problem des Glaubens in moderner Zeit vorgelegt. Die Geschichte spielt in einer spanischen Provinz. Eine einfache, alte Frau erzählt darin das Leben eines frommen Dorfpfarrers, der selig gesprochen werden soll – es ist die Geschichte eines heiligen Mannes, der die religiöse Botschaft Jesu Christi zutiefst ernst nimmt und für das damals junge Mädchen zum Heiligen wurde.

Wolfgang Müller-Funk
ist Literatur- und Kulturwissenschaftler

Macht des Glaubens

Erst als ihr atheistischer Bruder aus der Stadt auftaucht, kommt es zu einer bemerkenswerten Wendung der Geschichte. Ganz unerwartet schließen der ungläubige Bruder aus der Stadt und der Ortsgeistliche des Dorfes Freundschaft. Am Ende tritt zutage, dass Don Manuel und der Bruder der Erzählerin Brüder im Geiste sind. Sie glauben an die wohltätige Macht des Glaubens, nicht aber an dessen Offenbarungen:

„Alle Religionen sind wahr, wenn sie ihre Anhänger zum Leben erwecken, sie trösten, dass sie geboren wurden, nur um zu sterben, und für jedes Volk ist die wahre Religion seine eigene Religion, die es geschaffen hat. Und meine? Meine besteht darin, mich zu trösten, dass ich andere trösten kann, wenn auch der Trost, den ich ihnen bringe, nicht mein Trost ist.“

Auf ironische Weise wird das wahre Tun von Don Manuel, vor allem sein paradoxer geistiger Hintergrund zur Legitimation eines wahren Lebens, das das Martyrium von Glauben und Unglauben auf sich nimmt.

Musik:

Wilhelm Kempff/Klavier: „Nun komm, der Heiden Heiland - Choralvorspiel nach BWV 659“ von Johann Sebastian Bach, Bearbeitung für Klavier von Wilhelm Kempff
Label: DG 4158932