Zähne wie Perlen

Meine liebste Jesus-Geschichte stammt nicht aus den Evangelien, sondern aus dem Westöstlichen Diwan.

Gedanken für den Tag 29.6.2018 zum Nachhören:

Goethe überliefert dort ein Gedicht des Persers Nisami: alle des Wegs Kommenden schimpfen über das stinkende Aas des daneben liegenden Hundes, Jesus aber sagt nur: „Die Zähne sind wie Perlen weiß.“ Werner Bergengruen erwähnt diese Geschichte in seiner Grabrede auf Reinhold Schneider, gehalten am 10. April 1958.

Müll des Alltags

„Die Zähne sind wie Perlen weiß.“ Was für ein wunderbarer Blick auf die Wirklichkeit. Sicher hat auch Jesus den Gestank in der Nase gehabt. Auch er hat den verwesenden Hund gesehen. Aber in all dem Schönheit zu entdecken, und zwar eine wirklich vorhandene und auch anderen zugängliche Schönheit, das ist großartig. Mich freut auch, dass diese Geschichte auf einen großen persischen Dichter zurückgeht.

Gustav Schörghofer
ist Jesuitenpater, katholischer Theologe, Philosoph und Kunstwissenschaftler

Wenn ich mir den Blick von dieser Geschichte schärfen lasse, werde ich merken, dass auch in den Evangelien immer wieder gerade diese Sichtweise Jesu geschildert wird. Er sieht Sünder und nimmt in ihnen eine tiefe Nähe zu Gott wahr. Er sieht Kranke, und erkennt in ihnen die Fähigkeit, gesund zu sein. Er sieht Aussätzige und spricht sie rein. Er sieht in den anderen Menschen Großes und macht ihnen den Weg frei, diese Größe zu leben. In den Himmelreichgleichnissen ist von einem Acker die Rede, einem Stück Erde, das einen Schatz in sich birgt und von einem Freund kostbarer Perlen. Offenbar war auch Jesus ein Freund kostbarer Perlen, sonst hätte er sie nicht in den Zähnen eines Hundes erkennen können.

Und noch einmal: Wenn ich mir den Blick von dieser Geschichte des verwesenden Hundes mit den Zähnen wie Perlen schärfen lasse, dann werde ich erkennen, dass in all dem, was mir Tag für Tag begegnet, etwas zu entdecken ist. Im Müll des Alltags blinken mir kleine und große Kostbarkeiten entgegen, ein Lächeln, ein munterer Hund, ein gutes Wort. Ich kann durch meinen Blick, durch mein Gespür, mein Gehör die Welt schön sein lassen.

Musik:

Ensemble Orchestral Synaxis: „Les jours tristes“ aus: DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE / Original Filmmusik von Yann Tiersen
Label: Ici d’ailleurs/Labels/Virgin 3810982