Das Wunder des Lichtes - Chartres

In der Kathedrale von Chartres sind noch über 80 Prozent der originalen Glasfenster aus dem 13. Jahrhundert erhalten. Sie sind wie lebendige Bilder.

Gedanken für den Tag 11.7.2018 zum Nachhören:

Jedes Fenster hat sein eigenes Muster. Die Hauptfarben sind blau und rot – Wasser und Feuer, ausatmen und einatmen, geben und nehmen, tun und lassen. Wenn Schatten auf die Fenster fällt, werden sie merklich blauer, und wenn die Sonne auf sie scheint, tritt das Rot hervor. Manchmal im Juli, wenn die kräftige Abendsonne tief im Nordwesten steht, leuchtet die Nordrose in einem tiefen Orangerot, als sei sie selbst die untergehende Sonne.

Gernot Candolini
ist Leiter der Montessorischule Innsbruck, Autor und Designer von Labyrinthplätzen

Traum vom Paradies

Die Westrose wirkt hingegen wie ein sprinkelndes, glitzerndes Freudenfeuer über den großen Fenstern darunter. Das mittlere Langfenster, das größte Glasfenster der frühen Gotik, ist das „Menschwerdungsfenster“. Es erinnert an die Frage, ob die Aufgabe des Lebens im Grunde nichts anderes ist, als Mensch zu werden. Ahnen wir nicht immer wieder, dass das Menschsein über die reine Existenz hinaus noch mehr, noch etwas anderes ist? Stehen wir nicht deshalb immer wieder in einem Prozess des Werdens? Menschen sind Reisende und auf ihrem Weg immer erfüllt von der Hoffnung, gütiger zu werden, friedvoller, lebensfroher, liebevoller, runder, glücklicher. Alle Menschen wollen dem Traum vom Paradies näher kommen, dem Traum, der in den Fensterrosen abgebildet wird.

Die Rosenfenster gleichen Briefen aus dem Paradies. Immer leuchten sie, mal still und geheimnisvoll, mal glitzernd und glänzend, mal leuchtend und festlich, mal nachtblau oder tagesrot, mal schweigend, mal tanzend, immer aber klar und wunderschön.

Link:

Gernot Candolini: Labyrinthe

Musik:

Ensemble Gilles Binchois unter der Leitung von Dominique Vellard: Graduale: „Hec dies“ aus: MESSE DE PAQUES / OSTERMESSE von Anonym/Frankreich, 11.Jhd.
Label: Virgin Classics 5616402 (CD 1 von 2 )