Fantasie und Wirklichkeit - Sagrada Familia

Als der Buchhändler Joseph Bocabella 1874 die Idee hatte, in seiner Heimatstadt Barcelona eine Sühnekirche nach dem Vorbild der Basilika von Loreto zu bauen, ahnte er wohl nicht, was 150 Jahre später daraus gewachsen sein würde.

Gedanken für den Tag 13.7.2018 zum Nachhören:

Bocabella begann Spenden zu sammeln, mit denen am Stadtrand von Barcelona ein Grundstück gekauft werden konnte. Bald wurde mit dem Bau einer Krypta begonnen, die 1889 vollendet wurde.

Als die Bauleitung sich mit dem Architekten zerstritt und nahezu alle möglichen Nachfolger in den Streit verwickelt waren, wurde am Ende ein junger Mitarbeiter vorgeschlagen, das Projekt weiterzuführen: Antonio Gaudi. Inspiriert von den Formen der Natur brachte er völlig neue Ideen ein. Eine weitere ungeplante Wendung des Projektes ereignete sich, als eine ungewöhnlich hohe anonyme Spende eintraf. Dadurch konnte Gaudi seine Pläne überarbeiten und beträchtlich erweitern. Der Bau soll nun 2026 abgeschlossen werden, und wird weiterhin ausschließlich von Spenden finanziert.

Gernot Candolini
ist Leiter der Montessorischule Innsbruck, Autor und Designer von Labyrinthplätzen

Kathedralbau der Jetztzeit

Mit der Sagrada Familia wird etwas gelingen, was viele Visionäre schon früher versucht haben: Für zahlreiche Kathedralen waren nicht ein oder zwei Türme geplant, sondern mehr. Reims sollte sieben Türme bekommen, Chartres neun. Die fertige Sagrada wird 18 Türme umfassen, der Hauptturm wird der höchste Kirchturm der Welt sein.

Die Sagrada ist der einzige Kathedralbau der Jetztzeit. Ihre Patronanz „Die Familie“ und ihr Kunststil „Die Natur“ sind Ausdruck zentraler Themen unserer Zeit. Wie alle anderen Kathedralen wird auch sie Heimat für die menschliche Seele sein, ein Schutzraum in den Stürmen der Geschichte. Ein Ort, um zu schauen, zu staunen, zu beten, zu feiern, nachzudenken und gestärkt zurückzugehen an die Orte, an denen uns Familie und Natur heilig sind.

Link:

Gernot Candolini: Labyrinthe

Musik

Michael Behringer/Orgel: „Marche royale pour l’onction“ aus: JEANNE LA PUCELLE / Original Filmmusik von Jordi Savall
Label: Travelling Auvidis / Extraplatte K 1006