Über den Atem des Inneren

Zum 150. Geburtstag von Paul Claudel

Gedanken für den Tag 6.8.2018 zum Nachhören:

„In einem Nu wurde mein Herz ergriffen, ich glaubte. Mit einer so mächtigen inneren Zustimmung, mit solch unerschütterlicher Gewissheit, dass keinerlei Platz auch nur für den leisesten Zweifel offen blieb, dass von diesem Tage an alle Bücher, alles Klügeln, alle Zufälle eines bewegten Lebens meinen Glauben nicht zu erschüttern, ja auch nur anzutasten vermochten. Ich hatte plötzlich das durchbohrende Gefühl der Unschuld, der ewigen Kindschaft Gottes, das Gefühl einer unaussprechlichen Offenbarung.“

Heiliger Klang

So beschreibt Paul Claudel sein religiöses Erweckungserlebnis, das er 1868 mit 18 Jahren während des Weihnachtsmagnificats in Notre Dame in Paris hatte. Claudel war von diesem Moment an gläubig. Das hat er gefühlt...

Alexander Tschernek
ist Schauspieler und Radiomacher

Offenbarungen sind wohl eher eine Sache des Gefühls als des Denkens. Hmmm. Bei einem so eindrücklichen Bericht gerate ich in Versuchung, eigene Offenbarungen unter die Lupe zu nehmen. Ich kann mich erinnern, als Kind mit dem Tölzer Knabenchor Bachkantaten in einer Kirche in Nürnberg gesungen zu haben und vielleicht ein ebenso überwältigendes Gefühl vollkommener Harmonie und Schönheit gehabt zu haben. Das Singen, die Musik, Bach....

Das strömt zwar immer noch in mir, aber ich könnte dennoch nicht behaupten, dass seitdem all meine Zweifel verschwunden sind, dass ich seitdem glaube und nicht mehr ringen muss. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich das erleben durfte, dieses Aufgelöstsein – in einer Art heiligem Klang. Aber bei aller Wertschätzung misstraue ich dem Gefühl auch, weil ich das Gefühl auch immer mit dem Denken verbinden will. Oder besser: Das Denken mit Fühlen füllen will, damit es nicht bloß kalt und rational in meinem Hirn herumgeistert. Ich habe wirklich Sehnsucht nach einem Denken, in dem auch Gefühle mitwirken können. Ein Denken mit Herz. Auch „ohne Geländer“ – wie Hannah Arendt es formuliert hat. Ein Denken, das ganz aus meinem Inneren kommt, das keine Vorbilder und keine Sicherheiten haben darf, das ganz mit meiner Verantwortung in der Welt verbunden sein muss. Von dort aus würde ich dann gerne wie Paul Claudel ausrufen können: „Es ist wahr. Gott existiert. Er ist da.“ .... Hmm, gut, also… ich arbeite dran...!

Musik:

Homero Francesch/Klavier: „Une Barque sur l’Ocean, d’un rhythme souple - 3. Satz“ von Maurice Ravel
Label: Ex Libris 6080

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Alexander Tschernek