Stille Nacht, Heilige Nacht

Die Erwartungen an das Weihnachtsfest sind unerfüllbar hoch. Es soll ein Fest der Eintracht sein, besinnlich, friedlich und harmonisch. „Stille Nacht, Heilige Nacht!“ Das berührende Weihnachtslied aus dem salzburgischen Oberndorf, das durch Zillertaler Sängerfamilien in die Welt getragen wurde, nährt seit 200 Jahren diesen verständlichen Traum.

Gedanken für den Tag 17.12.2018 zum Nachhören:

„Heilige Nacht“ – weil alles so harmonisch war und ist? Entstanden ist der alpenländische Weihnachtshit in einem konträren Umfeld – 1818 war die Bevölkerung des Landes Salzburg völlig verarmt.

Auch die Umstände in Betlehem, von denen das Lied herzergreifend singt, waren alles andere als harmonisch. Es war Nacht – faktisch und im übertragenen Sinn: Jesus kam zur Welt in einer Notunterkunft am Stadtrand, ausgesetzt und gefährdet. Er teilt damit das Schicksal der vielen, für die „kein Platz“ ist – Millionen Umhergetriebene und Flüchtende auf unserer Welt, seelisch Verwundete und Verängstigte. Nur wer die Erfahrung der Nacht gemacht hat, kann deren Nächte erahnen.

Hermann Glettler
ist Bischof der katholischen Diözese Innsbruck

Kein billiger Friede

Die fromme Behauptung, dass es erst Weihnachten wird, wenn wir gut zueinander sind, ist schlichtweg eine Häresie. In der Nacht der Gewalt und der Feindschaft, die die ganze Welt ergriffen hat, ist Gottes Sohn auf die Erde gekommen. Das Kommen Jesu war nie und nimmer ein religiöser Aufputz für ein bürgerliches Wohlverhalten. Gottes Kommen hat die Nacht geheiligt – das Un-Heile und Un-Heilige verwandelt. Deshalb: „Stille Nacht, Heilige Nacht.“

Der erwachsene Jesus hat mehrmals gesagt, dass er nicht gekommen ist, um einen billigen Frieden zu bringen, sondern Versöhnung. Der Weg dahin schließt die Lüge aus. Die Chance liegt in einem ehrlichen Wort, manchmal auch in einer Bitte um Entschuldigung. Denn niemals ist ein Mensch so schön, wie wenn er Vergebung zuspricht oder Verzeihung annimmt. Das heiligt die Nacht – viel nachhaltiger als eine billige Harmonie.

Musik:

Hilton Ruiz/Piano: „O come, o come Emmanuel"
Label: Telarc CD 83352