Dornröschen - Oder: Schlaf und Staunen

Ein Un-Ort. Ein Berg aus mörderischen Hecken: Wer vor der Zeit durch will, spießt sich den Leib auf und stirbt. Dornröschen schläft da drin in ihrem Schloss 100 Jahre, genauso wie alle anderen Lebewesen, die am 15. Geburtstag der Prinzessin an Ort und Stelle waren: Stubenfliege, Küchenmagd, Königspaar.

Gedanken für den Tag 8.1.2019 zum Nachhören:

Der machtvolle Fluch der bösen Fee gilt Menschen und Tieren, aber nicht der Hecke. Die wuchert und wacht, beängstigend lebendig, über die Grenze zwischen Zeit und Stillstand.

Gudrun Sailer
ist Literaturwissenschaftlerin und Journalistin im Vatikan

Grüne Zeitmaschine

Was wäre, wenn ich mit Familie und Goldfisch in einen hundertjährigen Schlaf fiele? Was würden wir verschlafen? Den nächsten Weltkrieg? Die Wachablöse des Menschen durch die denkende Maschine? Die endgültige Klimakatastrophe? Oder ein Miteinander von Völkern, die sich besser zusammenraufen, als wir es 2019 dachten? Eine Menschheit, die teils im All lebt und hin- und herflitzt zwischen Erde und Zweiterde? Eine Welt ohne Hunger, Krebs und Terror? Unsere Vorfahren, die einander zu Brüder Grimms Zeiten vor 200 Jahren „Dornröschen“ erzählten: Wie dachten die sich eigentlich ihr Übermorgen? Mein Tipp wäre, sie sahen, wie wir, mit Sorge in die Zukunft. Damit hatten sie Recht und Unrecht zugleich. Und beides anders, als sie meinten.

Das Zaubermittel in Dornröschen ist diese gewaltige Hecke, eine stachlig-grüne Zeitmaschine der vorindustriellen Epoche. Sie umschließt eine Blase und schützt deren Insassen, indem sie sie auf Zeit aus der Zeit herausklammert und später ausgeschlafen wieder freigibt, in eine neue Welt hinein. So hellwach wie Dornröschen am Tag eins nach dem großen Schlaf wäre ich gerne in meiner vertrauten Welt. Jenseits der Hecke: so viel Erstaunliches, Bahnbrechendes und Neues, das ich mir in 100 Jahren Schlaf nie erträumt hätte. Ich nehme mir vor, das Gegebene mit staunenden Augen zu sehen, die heute wieder sehen dürfen.

Musik:

Kirov Orchester St.Petersburg unter der Leitung von Valery Gergiev: „Polacca: Märchenaufzug“ aus: DORNRÖSCHEN, op. 66 - Ballett in 3 Akten mit Prolog / Gesamtaufnahme / 3. Akt von Peter Iljitsch Tschaikowsky
Label: Philips 4349222