Krankheit als Krise und als Chance

In einer seiner berühmten Kabarettnummern bleibt Karl Valentin auf der Münchner Freiheit stehen, hält einen Passanten auf und fragt ihn: „Entschuldigen Sie, können Sie mir bitte sagen, wo ich eigentlich hin will?“

Gedanken für den Tag 7.2.2019 zum Nachhören:

Irgendwie trifft Valentin ja mein Lebensgefühl ziemlich gut. Leben im Laufschritt: Schneller, mehr, in kürzerer Zeit – um die gewonnene Zeit gleich neu und effizient zu investieren. Ich beklage mich über Tempo, die Raserei, den prall gefüllten Terminkalender, das Hetzen zwischen Beruf und Familie. So geht es mir und vielen anderen. Tut mir leid, keine Zeit! Denn wer Zeit hat, der ist verdächtig.

Susanne Kummer
ist Bioethikerin

Jetzt sitzt meine Freundin mit hochgelagertem Bein nach einem Sportunfall zu Hause. Und ist ganz erstaunt darüber, was sie erlebt. Plötzlich wird ihr Zeit gegeben, von der sie gar nicht wusste, dass sie sie hatte. Zeit für Gespräche. Zeit, um Regentropfen zu beobachten und Zeit, die wunderbare Rose gegenüber dem Krankenbett eingehend zu studieren. Die wunderbare Blüte - und die Dornen. Manchmal zwingen mich die Umstände dazu, innezuhalten. Neu zu überdenken, wo ich eigentlich hin will.

Räume des inneren Schweigens

Erst in der Krankheit, im Verlust des Selbstverständlichen, wache ich auf. Die Krankheit zwingt mir Grenzen auf. Als erste Reaktion folgt meist innerer Widerstand. Warum ich? Warum jetzt? Warum so und nicht anders? Bis ich erkenne, dass diese Grenze mir ein Tor öffnen kann zu einer Weite, von der ich zuvor nichts geahnt hatte.

Eine Krankheit bedeutet eine Krise. Krise kommt vom griechischen krinein, und das heißt: unterscheiden, entscheiden. Krankheit lehrt also zu unterscheiden. Wo will ich eigentlich hin? Was ist mir wichtig? Was heißt gutes Leben? In der Stille kommen die entscheidenden Fragen auf. Und vielleicht schenkt diese Krise im Leben auch eine Wendung – und ein Stück Heilung geschieht.

Wenn man krank ist, tun sich neue, kostbare Räume des inneren Schweigens auf, von denen man hofft, sie in die Betriebsamkeit des Alltags hinüberretten zu können. Der Theologe Romano Guardini sagt, ein Mensch, der nur redet, ist wie ein Mensch, der nur ausatmet. Die Krankheit hat mich neu einatmen gelehrt.

Musik:

Gregor Zubicky/Oboe, Terje Tonnesen/Violine, Lars Anders Tomter/Viola und Truls Otterbech Mork/Violoncello: „Adagio - 2. Satz“ aus: Quartett für Oboe, Violine, Viola und Cello in F-Dur KV 370 (368b) von Wolfgang Amadeus Mozart
Label: Simax PSC 1022