Die Mathematik der Güte

Wie oft passiert es, dass man aufsteht und meint: „Sacra! Ich bin schon wieder zu spät“. Besonders am Montag und in Zeiten der Frühjahrsmüdigkeit häufen sich die Beschwerden an den Rändern des Werktags. Und in der Folge ist der verspätete Mensch bemüht, gestresst zu retten, was ohnehin nicht zu retten ist. Die verlorene Zeit. Ein Zeit-Raffer im wahrsten Sinn.

Gedanken für den Tag 1.4.2019 zum Nachhören (bis 31.3.2020):

Dieses Sacra bedeutet also in diesem morgendlichen Zusammenhang nicht heilig, sondern verdammt, also das Gegenteil dessen, was man gewöhnlich meint. Und da sind wir schon beim Thema. Bei der Gabe. Wir meinen, die Gabe sei gut und positiv. Aber da wussten unsere Vorfahren mehr. Sie versahen das Geschenk nämlich mit einer zweifachen Natur. Das indogermanische „gäba“ kann „bringen“ und „nehmen“ bedeuten, und Gabe sowohl als auch Gift.

Oliver Tanzer
ist Wirtschaftsjournalist bei der Wochenzeitung „Furche“

Gabe und Gift

Wenn wir diesen Gegensinn ins Leben zurückübersetzen, zeigt sich ja oft, dass wir das Gegenteil von dem tun, was wir meinen. Wir kaufen unseren Kindern beispielsweise alle Spielsachen der Welt, und arbeiten dafür, dass wir das alles kaufen können. Dabei hätte das Kind eigentlich nur gern unsere Zeit. Aber die geben wir ihm nicht, im Gegenteil. Geben ist in diesem Sinn auch nehmen. Es ist nicht seliger als nehmen.

Aber man kann den Doppelsinn auch umgekehrt sehen. Dass das, was man für das Schlechtere hält, das bessere ist. So ist es etwa mit dem Verschlafen und vielen anderen Dingen, von denen behauptet wird, sie seien übel. Wer verschläft, ist nämlich zweifellos ein ganz Ausgeschlafener. Von dieser Frische hätte ja letztlich der Arbeitgeber auch mehr, als von dem mies gelaunten „Zeit-Raffer“. Folglich müsste es im Büro heißen: „Seht her, ich hab verschlafen, was bin ich für ein Glückspilz!“ Leider ist die Zeit noch nicht reif für solche Morgengaben! Aber das wird sich ändern: Und dann können selbst jene, die heute noch mit einem Sacra auf den Lippen aus ihren Betten hochfahren, ruhigen Gewissens verdammt selig sein. Und aus dem vermeintlichen Gift wäre eine Gabe geworden. Und das nicht nur bei den Briten.

Musik:

Ella Fitzgerald und Plas Johnson: „Something’s gotta give“ aus dem Film „Daddy long legs“ / „Daddy Langbein“ von Johnny Mercer/1909 – 1976
Label: Polygram 8232472