Das letzte Abendmahl

Zum 500. Todestag von Leonardo da Vinci: Was für eine Lebendigkeit, was für eine Interaktion! Mein Blick schweift von einer Figur zur nächsten. Ich kann mich gar nicht genug sattsehen an den unterschiedlichen Gesten, Gesichtsausdrücken und Körperhaltungen.

Gedanken für den Tag 2.5.2019 zum Nachhören (bis 1.5.2020):

Dabei ist das Thema alles andere als ungewöhnlich in der Kunst. Jesus und die 12 Apostel haben sich an einer langen Tafel versammelt, um gemeinsam Mahl zu halten. Servierplatten mit teilweise bereits aufgegessenen Speisen sind vor ihnen aufgetischt, daneben weingefüllte Gläser und Brote. Die Männer sitzen in einem großen Saal, drei Fenster an der Hinterwand geben den Blick auf eine Landschaft mit blauem Himmel frei. Bei diesem über 9 Meter breiten und über 4 Meter hohen Wandgemälde handelt es sich um eine Ikone der Kunstgeschichte, um Leonardos „L’Ultima Cena“, gemalt in den Jahren 1494 bis 1498 für die Mailänder Renaissance-Kirche Santa Maria delle Grazie. Zu ihr gehört auch ein Kloster, das bis heute von den Dominikanern geführt wird.

Johanna Schwanberg
ist Direktorin des Dom Museum Wien

Zwischenmenschliches Drama

Das „letzte Abendmahl“ galt schon zu Lebzeiten als Leonardos berühmtestes sakrales Gemälde. Allerdings hat man auch schon wenige Jahre nach der Fertigstellung den zunehmenden Verfall beobachtet. Er führte zu zahlreichen Restaurierungen und Rekonstruktionen im Laufe der Jahrhunderte. Hervorgerufen wurde der Zerfall durch die für Wandfresken unübliche Tempera-Öl-Mischtechnik. Leonardo verwendete sie anstatt des Malens in den nassen Putz, um mehrmals übereinander malen zu können und eine besondere Atmosphäre zu erzeugen.

Es gibt wohl kaum ein zweites Gemälde, über dessen Inhalt so viel spekuliert wurde wie über dieses. Nicht nur von Seiten der Kunstwissenschaft und Theologie, sondern auch im Bereich der Unterhaltungskultur, wie Dan Browns Roman „Sakrileg“ zeigt.

Mich fesselt neben der innovativen künstlerischen Auffassung vor allem die lebendige, zutiefst emotionale Interpretation dieses biblischen Themas. Leonardo illustriert hier keine ferne Bibelstelle. Vielmehr zeigt er das „Das letzte Abendmahl“ als psychologisches zwischenmenschliches Drama, in dem es um Vertrauen, Misstrauen, Verrat und Beziehungen geht. Es könnte sich hier und jetzt abspielen. Zu allen Zeiten, an allen Orten.

Musik:

Sirinu: „Per la mya cara“ - für Instrumentalensemble von Alexander Agricola
Label: Hyperion CDA 66814