„Ungehorsam gegen die Staatsgewalt“

Gustav Landauer, der vor 100 Jahren, am 2. Mai 1919 in München in der Haft ermordet wurde, entstammte einem bürgerlich-jüdischen Elternhaus. Er wurde 1870 in Karlsruhe geboren und studierte in Heidelberg, Berlin und Straßburg Germanistik und Philosophie.

Gedanken für den Tag 15.5.2019 zum Nachhören (bis 14.5.2020):

Ab 1887 – also bereits als Siebzehnjähriger – wurde er von der politischen Polizei überwacht, 1893 landete er wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt“ für neun Monate im Gefängnis. Nie konnte er einen bürgerlichen Beruf ausüben, immer lebte er in bedrückenden materiellen Verhältnissen. Sein größtes Glück war die Liebe zu der Lyrikerin Hedwig Lachmann, mit der er von 1903 bis zu ihrem Tod 1917 verheiratet war und mit der er zwei Töchter hatte.

Cornelius Hell
ist Literaturkritiker und Übersetzer

„Skepsis und Mystik“

Um die Jahreswende 1899/1900 war Gustav Landauer ein zweites Mal im Gefängnis. Bei diesem Aufenthalt bereitete er zwei seiner wichtigsten Werke vor, die 1903 erschienen sind: Eine von ihm übersetzte Auswahl der Schriften von Meister Eckhart, die noch heute als Insel-Taschenbuch weit verbreitet ist, und sein grundlegendes Buch „Skepsis und Mystik“.

Die Begegnung mit dem mittelalterlichen Mystiker Meister Eckhart war ein entscheidender Anstoß und markiert eine Wende im Denken Landauers. 1895 lehnte er in seinem Aufsatz „Christentum und Anarchismus“ Religion grundsätzlich ab – vor allem die monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Im Vorwort zu seiner Meister Eckhart-Auswahl schreibt Landauer, was ihn an diesem Autor so besonders fasziniert: „Daß Meister Eckhart in all seiner Genialität nie ein mystizierender oder moralisierender Pietisterich war, daß er sich nie süßlicher Gottesminne ergeben hat, daß er nie perverser Askese gefrönt hat, sondern daß er ein kühner Erschütterer war, der Hirne wie der Herzen, einer, der um die Welterkenntnis gerungen hat und der, lebensfreudig und urkräftig, die Grenzen der Sprache als ein Wissender überschritt, um jenseits seines Ich-Bewußtseins und des Begriffsdenkens in der unsagbaren Welt zu versinken.“

Buchhinweise:

  • Cornelius Hell, „Ohne Lesen wäre das Leben ein Irrtum. Streifzüge durch die Literatur von Meister Eckhart bis Elfriede Gerstl“, Verlag Sonderzahl
  • „Meister Eckhart. Mystische Schriften“, Übersetzung und Nachwort von Gustav Landauer, Insel Verlag
  • Gustav Landauer, „Skepsis und Mystik“, Büchse der Pandora
  • Gustav Landauer, „Die Revolution“, Edition AV
  • Gustav Landauer, „Aufruf zum Sozialismus“, Inktank Publishing
  • Gustav Landauer, „Shakespeare“, Hansebooks
  • Victor Klemperer, „Man möchte immer weinen und lachen in einem". Revolutionstagebuch 1919“, Aufbau Verlag

Musik:

Tomáš Višek/Klavier: „Boston: Valse moderato“ aus: Vier Tänze op. 39 für Klavier von Alois Hába
Label: Supraphon SU 31462131