Mind the Gap

Zum Welttag der kulturellen Vielfalt: „Du bist in eine Gesellschaft hineingeboren, die Dir mit brutaler Offenheit und auf vielfältigste Weise zu verstehen gibt, dass Du ein wertloser Mensch bist.“ Das schreibt der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin in einem Brief an seinen 15-jährigen Neffen im Jahr 1963.

Gedanken für den Tag 20.5.2019 zum Nachhören (bis 19.5.2020):

100 Jahre waren damals seit der Befreiung der Sklaven in den USA vergangen. Aber seine Landsleute, die „hunderttausendfach Leben zerstört haben“, so schreibt James Baldwin in diesem Brief, zerstören es immer noch - und wollen davon nichts wissen. „All das passiert im reichsten, freiesten Land der Welt in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts“, konstatiert Baldwin.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Annahmen über Bord werfen

Seit dieser berühmte Brief als Buch mit dem Titel „The Fire Next Time“ (deutsch: „Nach der Flut das Feuer“) erschienen ist, sind weitere 56 Jahre vergangen. Etwas, das damals noch unmöglich schien, ist inzwischen wahr geworden: ein schwarzer US-Präsident. Doch immer noch sind Diskriminierungen von Schwarzen, ist Gewalt an ihnen an der Tagesordnung. Immer noch werden weltweit, auch bei uns, Denken und Handeln geprägt von Vorstellungen, die eine bestimmte ethnische Gruppe als einer anderen ethnischen Gruppe unterlegen oder überlegen betrachten.

James Baldwin war ein Vorreiter der Bürgerrechtsbewegung, nicht indem er kämpfte, sondern weil er analysierte, wie Rassismus funktioniert und welche Funktion er hat. Baldwin wusste, dass die Abwertung der anderen eine Möglichkeit war, die eigene Identität zu festigen. Wenn in den 1960er Jahren die Schwarzen aufbegehrten, dieselben Rechte einforderten, dann ging es für die weißen Amerikaner um nichts Geringeres als um den Verlust ihrer Identität. Deswegen diese Abwehr. „Der Schwarze hat in der Welt der Weißen als Fixstern gedient, als felsenfeste Säule: Jetzt, da er sich rührt, werden Himmel und Erde in ihren Grundfesten erschüttert“, so Baldwin. Amerika und die westlichen Nationen aber seien nun gezwungen, „sich selbst zu überprüfen und sich von so vielen Dingen zu befreien, die noch immer als heilig gelten, und praktisch alle Annahmen über Bord zu werfen, die dazu dienten, über so lange Zeit ihr Leben, ihre Qual und ihre Verbrechen zu rechtfertigen“.

Man kann das 1963 Geschriebene getrost auch auf die Gegenwart beziehen. Anerkennung der Vielfalt der Ethnien und Kulturen geht nicht ohne die Bereitschaft, sich zunächst von vielen liebgewonnenen Annahmen – man könnte auch sagen: Vorurteilen – zu befreien.

Buchhinweise:

  • James Baldwin, „Nach der Flut das Feuer. The Fire Next Time“, dtv
  • Brigitte Schwens-Harrant, Jörp Seip, „Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten“, Klever Verlag

Musik:

Charlie Haden/Bass und Hank Jones/Piano: „We shall overcome"
Label: Verve 5272492