Die Zweite Geburt

Die Literaturnobelpreisträgerin Nadine Gordimer wurde 1923 in Südafrika geboren. Ihr jüdischer Vater stammte, wie sie schrieb, „aus einem russischen Dorf“, ihre Mutter kam aus London.

Gedanken für den Tag 23.5.2019 zum Nachhören (bis 22.5.2020):

In der Bergbaustadt, wo die Familie lebte, engagierte sich die Mutter für die presbyterianische Kirche. Gordimer selbst ging bei dominikanischen Nonnen zur Schule. Ihre „südafrikanische Kindheit“ beschreibt sie als ein Leben der Mittelschicht, in einer „gesitteten kleinen Kolonialgemeinschaft mit den ritualisierten Teegesellschaften und Tennis-Nachmittagen“.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Kritisch reflektieren

Das Kind war erzogen, sich den Dienstboten nicht zu nähern oder gar aus ihrer Tasse zu trinken. Die Trennung zwischen Weiß und Schwarz war ganz selbstverständlich. Sie schreibt: „Ist man als Südafrikaner geboren, werden einem die gegebenen Fakten von Rasse mit dem gleichen Realitätsanspruch präsentiert wie die absoluten Fakten von Geburt und Tod.“ Erwachsen wurde Nadine Gordimer erst durch eine „Zweite Geburt“ oder „Wiedergeburt“: „Damit meine ich den Moment, wenn das Kind zu erkennen beginnt: Die Tatsache, dass der Schwarze das Haus des Weißen nicht durch die Vordertür betritt, gehört nicht zu derselben Kategorie von Tatsachen wie die, dass die Toten nicht zurückkommen.“

Diese Entdeckung, dieser Satz von der Zweiten Geburt erscheint mir äußerst wichtig. Gordimer verdeutlicht damit, dass Abwertungen von anderen, wie hier etwa durch die Apartheid, eine gemachte Tatsache sind. Und sie zeigt, dass es, in welchem System auch immer, diese Momente des Erkennens braucht: in welchem Rahmen man aufwächst, mit welchen Brillen – und welche Abwertungsmechanismen stattfinden, die man zunächst gar nicht sieht, weil man vielleicht selbst gerade nicht zu den Abgewerteten gehört.

Wo Menschen leben, werden Menschen und Gruppen kategorisiert. Die Abwertung vollzieht sich oft in fast unmerklichen Schritten. Menschen, die etwa einer anderen Religion angehören oder zugezogen sind, kann man mit Verweis auf diesen Unterschied zum Beispiel dieselben Bürgerrechte verwehren. Die Abwertung kann soweit führen, dass Menschen die Menschenwürde, das „Recht, Rechte zu haben“, wie Hannah Arendt es ausdrückte, oder gar das Recht zu leben abgesprochen wird. Im schlimmsten Fall führte und führt das zu systematischen Massenmorden und Genoziden.

Umso wichtiger – und um bereits den Anfängen solcher Schritte zu wehren – ist es, auf diese gemachten Tatsachen zu achten und die Art und Weise, wie wir die Welt strukturieren und klassifizieren, stets kritisch zu reflektieren. Am besten im Gespräch mit anderen.

Buchhinweise:

  • Nadine Gordimer, „Erlebte Zeiten/Bewegte Zeiten: Erzählungen und Essays“, Berlin Verlag
  • Brigitte Schwens-Harrant, Jörp Seip, „Mind the gap. Sieben Fährten über das Verfertigen von Identitäten“, Klever Verlag

Musik:

Juluka: „Circle of light“ von Johnny Clegg
Label: Mambo/Sony Music MBO 4879632