Der Suchende

Seinen 1851 erschienenen Roman „Moby Dick“ hatte Herman Melville als Abenteuerroman angekündigt, der auf Legenden und persönlichen Erlebnissen beruhe.

Gedanken für den Tag 1.8.2019 zum Nachhören (bis 31.7.2020):

Was aber nach intensiven Monaten des Schreibens und Umarbeitens entstand, war weitaus mehr als ein gefälliger Abenteuerroman und es war so viel, dass es die Leser seiner Zeit überforderte. Eine Enzyklopädie über Wale und Walfängerei, Ökonomie und Politik, Philosophie und Bibel und vieles mehr.

Brigitte Schwens-Harrant
ist Literaturkritikerin und Feuilletonchefin der Wochenzeitung „Die Furche“

Vielfalt und Mehrdeutigkeit schlugen sich in Form und Stil nieder. „Dieses ganze Buch ist nur ein Entwurf - nein, nur der Entwurf zu einem Entwurf“, schreibt Melville und lässt seinen Ich-Erzähler Ishmael sagen: „Gott bewahre mich davor, jemals etwas zu vollenden.“ – „Es gibt manche Unternehmungen, bei welchen eine umsichtige Unordentlichkeit die wahre Methode ist.“

Einladung zur Ausfahrt ins Ungewisse

Melvilles Roman ist ein Universum von einem Roman. Manche haben seine Erzählweise mit der Unberechenbarkeit des Meeres verglichen (das wiederum ein Bild des Lebens sei). So wie es da Windstille gibt, reißen dann wieder Sturm und Seegang die Schiffe mit. Derartige Wechsel gibt es auch in den Tonlagen und Geschwindigkeiten dieses Romans. Da hört man den Bewusstseinsstrom der inneren Stimmen einzelner Besatzungsmitglieder nach der Ankündigung des Kapitäns Ahab, den weißen Wal zu jagen. Da nähert man sich dem Unbewussten des Menschen, noch bevor Sigmund Freud es zum Thema machte. Da folgen Szenen wie aus Shakespeareschen Tragödien. Da liest man Kategorisierungen des Wals, die an die damals üblichen Kategorisierungen von Menschenrassen erinnern und diese geradezu ironisch kommentieren. Da präsentiert Melville seine Vision von Demokratie.

Und man liest von einem weißen Wal, dessen Weiß so entsetzlich ist, weil es „die sichtbare Abwesenheit von Farbe“ ist „und gleichzeitig die Verdichtung aller Farben“. Ist es „eine farblose, allfarbige Welt ohne Gott, vor der wir zurückschrecken?“ fragt Ich-Erzähler Ishmael.

„Moby Dick“ auf einen Plot zu reduzieren, wie es diesem Klassiker ständig passiert, verstümmelt „Moby Dick“. Dieser Roman ist eine gewaltige Sinn- und Bedeutungssuche, ein Exkurs, eine Einladung zur Ausfahrt ins Ungewisse.

Buchhinweise:

  • Andrew Delbanco, „Melville. Biographie“, Verlag Hanser
  • Arno Heller, „Herman Melville“, Verlag Lambert Schneider

Musik:

Scottish Ensemble unter der Leitung von Jonathan Rees: „Basse Danse: Allegro moderato - 1. Satz“ aus: Capriol Suite - für Streichorchester von Peter Warlock
Label: Virgin VC 260421-231