Tucholsky, der Pazifist

Zum 130. Geburtstag von Kurt Tucholsky: „Soldaten sind Mörder“. Ein Satz, der aufweckt und aufregt. Kein Satz Kurt Tucholskys hat so viele Menschen so aufgeregt wie dieser. Die Reichswehrführung zeigte Tucholsky und Carl von Ossietzky, den Herausgeber der „Weltbühne“, an.

Gedanken für den Tag 9.1.2020 zum Nachhören (bis 8.1.2021):

Das Verfahren endete mit einem Freispruch – wohl auch dank des Einsatzes der beiden Verteidiger. Die legten dem Gericht eine Unmenge von Zitaten prominenter Autoren vor, in denen Soldaten Mörder, Henker und Schlächter genannt werden. Unter den Genannten waren Laotse, Erasmus von Rotterdam, Voltaire, Kant, Gothe, Herder und andere klingende Namen. Auch die von der Staatsanwaltschaft eingelegte Berufung wurde abgewiesen, wenn auch das Gericht den Satz „Soldaten sind Mörder“ als eine schwere Ehrenkränkung wertete.

„Natürlich Mord!“

Man darf Tucholskys Satz nicht isoliert sehen. Es geht um die Absurdität, den Widersinn jeden Krieges, konkret hier des Ersten Weltkriegs. Tucholsky schreibt: „Da gab es vier Jahre lang ganze Quadratmeilen Landes, auf denen war der Mord obligatorisch, während er eine halbe Stunde davon entfernt ebenso streng verboten war. Sagte ich: Mord? Natürlich Mord. Soldaten sind Mörder.“

Franz Josef Weißenböck
ist katholischer Theologe und Autor

Tucholsky beruft sich in seinem kurzen Text auch auf Äußerungen von Papst Benedikt XV. Der hatte sich vergeblich um Frieden bemüht. 1915 hatte er den Krieg eine „grauenhafte Schlächterei“ genannt, die „Europa entehrt“. Die Mahnrufe des Papstes waren allerdings ungehört verhallt, selbst bei Bischöfen der kriegführenden christlichen Nationen.

Der Prozess gegen die „Weltbühne“ wurde im November 1932 abgeschlossen. Es braucht wenig Fantasie, sich vorzustellen, wie er wenige Monate später, nach dem Wahlsieg der Nazis und Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, ausgegangen wäre. Was hätte dieser große Pazifist, der heute vor 130 Jahren geboren wurde, wohl zu den Kriegen und Schlächtereien gesagt, die in den folgenden Jahrzehnten Europa und die Welt entehrten!

Musik:

London Sinfonietta unter der Leitung von David Atherton: „Kanonen Song. Charleston Tempo“ aus: Kleine Dreigroschenmusik - Suite für Blasorchester aus der „Dreigroschenoper“ von Kurt Weill
Label: DG 4232552