Narren an der Macht

An manchen Orten, vor allem in Deutschland, werden in den letzten Faschingstagen Rathäuser besetzt, Bürgermeisterinnen müssen den Stadtschlüssel abgeben, den männlichen Chefs werden die Krawatten abgeschnitten. Insignien der Macht wechseln den Besitzer.

Gedanken für den Tag 21.2.2020 zum Nachhören (bis 20.2.2021):

An solchen Tagen dürfen die Narren den Verantwortlichen und Einflussreichen die Meinung sagen, deren Fehler benennen, ohne dass es Konsequenzen hat.

Mit lächelnder Miene nimmt man launig verpackte Kritik entgegen. Maskierte Faschingsnarren sagen die ungeschminkte Wahrheit. Dieses Verhalten macht einerseits Spaß, ist aber auch andererseits ein Ventil. Man spielt verrückt, um nicht verrückt zu werden. Man nennt Dinge beim Namen, um nicht am Ungesagten zu ersticken. Ich bin überzeugt, eine Gesellschaft braucht solche Rituale.

Kritik an den Verhältnissen

In den Märchen gibt es die Rolle des Hofnarren, der dem König als einziger den Spiegel vorhalten darf. In der der Geschichte gab es Franz von Assisi. Jesus galt schon zu seinen Lebzeiten manchen als gefährlicher Narr. Und seien wir ehrlich: Auch Pfarrerinnen und Pfarrer werden oft mit einem mitleidigen Lächeln als närrisch und verrückt und naiv abqualifiziert. Die Vertreter der Kirche also als Narren in einer Welt, die nichtchristlichen Gesetzen gehorcht. Christinnen und Christen als Hofnarren eines Imperiums, das derzeit zu bröckeln scheint.

Luise Müller
ist evangelische Theologin

Mit Fasching hat das nichts zu tun. Eher schon mit Unabhängigkeit der Gedanken und Worte und Taten. Mit Selbstwert, der nicht von Geld und Einfluss abhängt. Mit dem Mut, gegen den Strom zu schwimmen, wenn das Ziel es erfordert. Mit der Erkenntnis, dass man manchmal das Unmögliche wagen muss. Sich so verhalten, dass entlarvt wird, was falsch läuft.

Christinnen und Christen sind in vielen Rollen. So z.B. in der diakonischen, in der seelsorgerlichen, in der lehrenden. Aber sie sind immer auch die, die Kritik an den Verhältnissen anbringen. Das ist nicht nur die Narrenrolle, sondern das kann auch lebensgefährlich werden. Nicht nur Jesus hat das erfahren.

Musik:

James Levine/Klavier, Wolfgang Schulz/Flöte und Ensemble Wien Berlin: „Presto giocoso“ - 3. Satz aus: Sonate für Flöte und Klavier <a la memoire de Mme. Sprague Coolidge> von Francis Poulenc
Label: DG 4276392