Aufwachen in einer neuen Welt

Aufwachen und alles ist anders. Die Welt ist nicht mehr so wie gestern. In Corona-Zeiten kein abwegiger Wunsch. Einschlafen und aufwachen in einer Welt, in der die Enkel ihre Großeltern umarmen und der Mund-Nasen-Schutz den Baustellen und Zahnarztpraxen vorbehalten ist – welch schöne Vorstellung!

Gedanken für den Tag 14.5.2020 zum Nachhören (bis 13.5.2021):

Baron Münchhausen, dessen 300. Geburtstag in diesen Tagen begangen wird, erzählt uns eine solche Geschichte. Im Winter reiste er nach Russland. Er ritt übers Land, bis die hereinbrechende Dunkelheit ihn zum Übernachten zwang. Nirgends aber war ein Dorf zu sehen. Das ganze Land lag unter Schnee. Müde stieg er von seinem Pferd, band es an einen einsamen Baum, legte sich im Schnee nieder und tat ein gesundes Schläfchen, bis ihm die Augen wieder aufgingen am hellen Tag.

Michael Chalupka
ist Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich

Veränderbarkeit der Welt

„Wie groß aber war mein Erstaunen, als ich fand, dass ich mitten in einem Dorfe auf dem Kirchhofe lag!“, erzählte er. Der Schnee war über Nacht geschmolzen. Das Pferd sah er nicht. Doch er hörte es wiehern. Der Gaul war an den Wetterhahn des Kirchturms gebunden und hing von da herunter. Wie es sich für einen Jäger gehörte, schoss er den Halfter durch und ritt davon.

Natürlich kann sich die Geschichte nicht so zugetragen haben, aber sie ist schön erzählt und wahr ist sie außerdem. Denn das wissen wir doch alle, dass die Welt sich über Nacht verändern kann und wir nicht als die aufwachen, als die wir schlafen gegangen sind. Zugegeben, sie ändert sich nicht immer zum Besseren. Das erfährt, wer in aller Früh mit einer schlimmen Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen konfrontiert wird. Wir kennen aber auch das Gegenteil. Wer immer bei der Geburt eines Kindes dabei war, weiß, die Welt ist danach eine andere. Wer am 9. November 1989 früh schlafen ging, verschlief den Fall der Berliner Mauer und wachte in einer anderen Welt auf.

Münchhausen mag ein Lügenbaron gewesen sein, doch er erzählte von der Veränderbarkeit der Welt und damit von der Hoffnung. Denn „wenn das, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“

Musik:

The Amsterdam Baroque Orchestra unter der Leitung von Ton Koopman: „Menuet - 7. Satz“ aus: Ouvertüre für 2 Oboen, Streicher und B.c. in B-Dur - Tafelmusik III Nr. 1 von Georg Philipp Telemann
Label: Erato 75394