„Ging heut’ morgen übers Feld“

Zum 160. Geburtstag von Gustav Mahler: Wir müssen uns Mahler als sportlichen Mann vorstellen. Nahezu athletisch.

Gedanken für den Tag 8.7.2020 zum Nachhören (bis 7.7.2021):

Es gibt eine genaue Beschreibung des nackten Gustav Mahler im Sonnenbad durch den Maler und Bühnenbildner Alfred Roller, der mit dem geübten Blick des Aktzeichners den muskulösen Körper von – „großem Ebenmaß und ausgesprochen männlichen Proportionen“ bewundert, die detailreiche Hymne beginnt allerdings mit der Feststellung, dass Mahler doch ziemlich klein war, Roller, selbst groß gewachsen, schätzt ihn gar nur auf einssechzig.

Ruhe und gute Sonne

Der im Sommer stets braun gebrannte Mahler zählte zu den ersten begeisterten Radfahrern, war ein ebenso leidenschaftlicher Schwimmer, der in den See köpfelte und erst weit draußen prustend und plantschend wieder auftauchte und allen davon schwamm. Wie er auch beim Wandern allen davonlief. Er ging nicht, er rannte auf die Berge, hielt aber das hohe Tempo durch.

Mirjam Jessa
ist Journalistin und Ö1-Moderatorin

Und so beginnt das erste Lied, das Mahler in seiner ersten Symphonie im ersten Satz zitiert ausgerechnet mit den Worten: „Ging heut’ morgen übers Feld“. Dieses Liedzitat, das den flirrenden, aber auch mystischen Beginn in eine fröhlich schreitende Bewegung erlöst, ist eines seiner „Vier Lieder eines fahrenden Gesellen“. Nur zu diesen Liedern hat Mahler auch selbst die Texte verfasst. Hier begegnen wir Mahler also in Ton und Wort.

Das Gehen war eine Conditio sine qua non seiner täglichen Routine. Von dem Platz aus, wo ich jetzt sitze, sind es keine 300 m Luftlinie bis zum Belvederegarten. Dort ist der Hofoperndirektor Mahler nachmittags stundenlang in schnellem Schritt spazieren gegangen und hat den Park viermal umrundet. Was er zu Beginn des zweiten Gesellenliedes schildert, die Begeisterung über einen erwachenden Sommermorgen, die funkelnde beseelte Natur - „Ist’s nicht eine schöne Welt?!“ – diese Begeisterung hatte er auch als Fußgänger und Wanderer.

Als er mit Roller einmal auf einer – laut Roller – sehr durchschnittlichen Waldkuppe Rast machte, wo „bloß Ruhe und gute Sonne“ war, legte sich Mahler auf den Boden, bohrte seine Schultern ins Heidelbeergestrüpp „als könnte er der lieben Erde nicht nahe genug sein“ und rief immer wieder: „Ist es da nicht wunderschön?!“

Musik:

Dietrich Fischer Dieskau/Bariton und Philharmonia Orchestra London unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler: Ging heut’ morgen übers Feld aus: LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN von Gustav Mahler
Label: EMI 7476572