„Selbstgehegeltes“

Zum 250. Geburstag des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Haben Sie schon mal Hegel gelesen? Ich bisher auch noch nicht. Aber zu seinem 250. Geburtstag kann man ja mal anfangen... – ein bisschen Hegel zu lesen. Wenn das überhaupt möglich ist, „ein bisschen Hegel“ zu lesen....?!

Gedanken für den Tag 24.8.2020 zum Nachhören (bis 23.8.2021):

Ich befürchte allerdings, dass man diesen mutmaßlich großen Denker ganz oder gar nicht liest, und dass man ihn irgendwie mögen muss. Es gibt da einige Gerüchte und Abhaltungen: Schopenhauer hielt ihn für einen „Absurditätenlehrer, einen Zusammenschmierer sinnloser, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte.“

Nicht im richtigen Häuschen

Und Hannah Arendt notiert in ihrem Denktagebuch, dass man in Hegel gewöhnlich den Selbstvollendungsprozess der Philosophie gesehen hätte. Marx hätte aber ganz richtig erkannt, dass in der Philosohie Hegels die Selbstwiderlegung der Philosophie zu sehen sei. Außerdem sei er der erste Philosoph, für den Einsamkeit zur Verlassenheit wurde, was man aus Hegels Aussage schließen könne „Nur einer hat mich verstanden; und der hat mich auch nicht verstanden.“

Alexander Tschernek Hegel Selbstgehegeltes

Romesh Phoenix

Der Schauspieler und Autor Alexander Tschernek

Um Hegel kommt man aber wohl nicht herum, wenn man ernsthaft Philosophie betreiben will. Auch in Kierkegaards Schriften ist er mir ständig begegnet. Aber mit seiner ständigen Kritik an dessen System macht Kierkegaard einem ebenfalls nicht besonders Lust, Hegel zu lesen. Er beschreibt ihn so, dass er, Hegel, ein ungeheures Bauwerk, ein die ganze Weltgeschichte und das gesamte Dasein umfassendes System erschaffen hätte. Wenn man aber sein persönliches Leben betrachte, so müsse man entdecken, dass er diesen hoch sich wölbenden Palast nicht selber bewohne, sondern einen Schuppen daneben, eine Hundehütte oder höchstens das Pförtnerhäuschen...

Ja, das kennen Sie vielleicht auch, dass man in seinem Leben nicht im richtigen Häuschen wohnt, dass man sich seine Ideale gebaut und seine hehren geistigen Ziele erarbeitet hat, und dann nicht danach lebt, oder sie nicht erfüllen kann, dass die eigenen Vorstellungen reine Theorie geblieben sind und nicht praktische Umsetzung in sinnhaft und sinnlich erfülltes Leben.

Buchhinweis:

Wilhelm Weischedel , „Die philosophische Hintertreppe“, dtv 1977

Links:

Musik:

Carla Bley/Piano und Steve Swallow/Bass: „Reactionary tango - part 1“ von Carla Bley
Label: ECM 8373452