„Der alte Mann“

„Die Dichtkunst allein wird alle übrigen Wissenschaften und Künste überleben“, heißt es im ältesten Systemprogramm des deutschen Idealismus, das als Fragment erst 1913 in Berlin bei einer Auktion auftauchte.

Gedanken für den Tag 27.8.2020 zum Nachhören (bis 26.8.2021):

Und man weiß nicht, wer es geschrieben hat: Hölderlin, Schelling oder Hegel, dessen Handschrift das Manuskript trägt? Die drei haben sich beim gemeinsamen Studium am Tübinger Stift befreundet – Hegel erhielt da den Spitznamen „der alte Mann“...

Ich dichte, also bin ich...

Wie auch immer – ein schönes Geheimnis rankt sich da um die Urheberschaft dieses Textes, in dem vom Menschen als einem absolut freien Wesen die Rede ist, der aber weder Gott noch Unsterblichkeit außer sich suchen dürfe. Außerdem müsse der Staat auch aufhören, freie Menschen als mechanisches Räderwerk zu behandeln, damit wir uns zuletzt in der Idee der Schönheit alle vereinigen können.

Alexander Tschernek Hegel Selbstgehegeltes

Romesh Phoenix

Der Schauspieler und Autor Alexander Tschernek

Ja, da kommt wirklich auf wunderbare Weise Politisches, Philosophisches und Poetisches zusammen, das für mich auch heute noch gelten kann. Bemerkenswert ist freilich, dass nur Hölderlin, der zeitlebens um Anerkennung gekämpft hat, Dichter geworden ist, während Hegel und Schelling vergleichsweise flott berühmte Philosophen wurden. Ja, es wäre schon schön, wenn die Kraft der Poesie, der Verdichtung wieder mehr Beachtung fände. „Was bleibet aber, stiften die Dichter“, schreibt Hölderlin in „Andenken“.

Und er und Schelling und Hegel beschließen das Systemprogramm mit dem geradezu hymnisch-hoffnungsvollen Ruf: „Keine Kraft wird mehr unterdrückt werden, dann herrscht allgemeine Freiheit und Gleichheit der Geister! – Ein höherer Geist vom Himmel gesandt, muss diese neue Religion unter uns stiften, sie wird das lezte, gröste Werk der Menschheit seyn.“

Im Nachklingen dieser Sätze frage ich mich, warum solche poetischen Manifeste heute nicht mehr geschrieben werden; oder geschrieben werden können...? Einen Versuch könnte es wert sein. Vielleicht fühlen Sie sich ermuntert, heute ein paar Zeilen niederzuschreiben... im Sinne von: Ich dichte, also bin ich...

Buchhinweis:

Wilhelm Weischedel , „Die philosophische Hintertreppe“, dtv 1977

Links:

Musik:

Carla Bley/Piano und Steve Swallow/Bass: „Remember“ von Steve Swallow
Label: ECM 8373452